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Seit der Antike
beschäftigen sich Denker schon mit dem Zufall. Der Philosoph Demokrit
(470-360 nach Christus) nimmt eine eindeutige Determiniertheit allen
Geschehens an. Die Atome, aus der die Welt bestehen, bewegen sich nach
festen, unverrückbaren Gesetzen. Der Eindruck eines zufälligen Ereignisses
ist für Demokrit lediglich eine subjektive Täuschung.
Der in Königsberg lebende Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) gar
postulierte in seinem Kausalitätsprinzip, dass jedem Ereignis ein anderes
Ereignis vorhergehen muss, aus dem es aufgrund von Gegebenheiten, die immer
schon (»a priori«) da waren, folgt. Für den Zufall gibt es in Kants Weltbild
keinen Platz.
Der griechische Philosoph Platon (427-347 vor Christus ) dagegen liess den
Zufall als eine fügende, aber vernunftfreie Macht ohne Intention zu. Auch
der Philosoph Epikur (341-270 vor Christus ) nahm an, dass zufällige
Ursachen das Geschehen der Welt mit bestimmen.
Nach allgemeinem Glauben treten zufällige Ereignisse oft in Serie auf, z. B.
bei einer »Glückssträhne« eines Spielers oder in der Beobachtung, dass ein
Unglück selten allein komme. Von seinem 2o. bis zu seinem 4o. Lebensjahr
notierte der österreichische Biologe Paul Kammerer (1880-1926) alle
Koinzidenzen, von denen er hörte oder die er selbst beobachtet hatte und
gewann daraus eine Typologie der Zufälle. Aus der Analyse seines Materials
kam er in seinem Buch »Das Gesetz der Serie - eine Lehre von den
Wiederholungen im Lebens- und Weltgeschehen« (Stuttgart 1919) zu dem
Schluss, dass ein akausales Prinzip verwandte Konfigurationen in Raum und
Zeit zusammenfügt, die durch Affinität zusammenhängen, und dadurch
überzufällig passieren. Ein Beispiel: Eine Frau sieht im Wartezimmer eines
Arztes ein Kunstbuch an, in dem ihr besonders die Bilder eines Malers namens
Schwalbach auffallen. In dem Moment öffnet sich die Tür und eine Bedienstete
fragt, ob eine Frau Schwalbach anwesend sei. Sie werde am Telefon verlangt.
Der Schweizer Psychologe C.G. Jung (1871-1961), dem ähnliche Zufallsserien
bei seiner Arbeit aufgefallen waren, nannte derartige Ereignisse
synchronistisch. Jung bezog sich bei seinen Überlegungen auch auf Ergebnisse
des amerikanischen Parapsychologen J.B. Rhine bei seinen ESP-Experimenten
mit einem Satz von 25 »Wahrsagekarten«. Bei einer Versuchsanordnung war der
Versuchsperson die Aufgabe gestellt worden, eine in der näheren (in wenigen
Minuten) oder ferneren Zukunft (bis zwei Wochen) noch herauszulegende
Kartenserie zu erraten. Da ihr dies überzufälllig gut gelang, folgerte Jung:
»Man kann sich nicht vorstellen, wie ein zukünftiges Ereignis ein solches in
der Gegenwart zu bewirken vermochte. Da vorderhand keine Möglichkeiten einer
Kausalerklärung vorliegen, so müssen wir provisorisch annehmen, dass
unwahrscheinliche Zufälle beziehungsweise sinngemässe Koinzidenzen akausaler
Natur eingetreten seien.«
Jungs Schülerin Marie-Louise von Franz nimmt an, dass er aus dem (wie Jung
es nannte) »absoluten Wissen des Unbewussten« schöpfte. Die Trance, in die
ein Wahrsager beim Anschauen eines chaotischen Musters (Handlinien oder
Lichtreflexe einer Kugel usw.) fällt, ermöglichen es ihm, in einen Zustand
eines niedrigen, dem Wissen des Unbewussten nahen Bewusstseinsniveau
herabzusteigen, um Verborgenes über die Zukunft »heraufzubringen«.
Der holländische Botaniker und Künstler Herman de Vries setzte den Zufall
als bestimmendes Moment ein, wenn er sich im Herbst einen Nachmittag lang
unter einen Kirschbaum setzte, und auf einem grossen weissen Blatt die
Blätter so aufklebte, wie sie herabfielen.
De Vries kam nach 14 Jahren Arbeit mit solchen Zufallsbildern zu dem
Schluss, dass der Zufall nur ein Hilfswort ist für das, was wir nicht fassen
können, für das, was aus einer Vernetzung kausaler Prozesse mitsteht, die zu
komplex in ihren Zusammenhängen und Ursächlichkeiten sind, um sie mit dem
heutigen Nissen schon verstehen zu können. |