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Die in der Antike recht
verbreiteten Würfelorakel waren nicht an bestimmte Orakelheiligtümer
gebunden. Sie standen in vielen Städten an öffentlichen Plätzen der
Allgemeinheit zur Verfügung. Zunächst nutzte man dabei wohl den
sechsseitigen Würfel, dessen sechs Zahlenwerte kombiniert mit den ersten
sechs Buchstaben des Alphabets auf den Ratschlag eines homerischen Verses
verwiesen. Man würfelte meist dreimal. Hatte man dann beispielsweise eine
Eins, eine Zwei und eine Sechs, gab die »Ilias« Vers 24,92 Auskunft: »Aber
ich geh, nicht umsonst soll das Wort sein, was er auch sage!« Beim
Geryonorakel in Patavium mussten die Würfel in einer heiligen Quelle
ausgeworfen werden.
Scheinbar aus Kleinasien kamen und verbreiteten sich so genannte Astragale,
Würfel aus Fusswurzelknöcheln von Ziegen, Schafen oder Schweinen. Sie boten
nur vier Flächen, die Zahlen Zwei und Fünf fielen aus. Im Tempel lagen
solche Knöchel wohl bereit, vielleicht musste man aber auch für alle Fälle
solche immer mit sich führen. Der Ratsuchende hatte mit fünf Astragalen zu
würfeln, zumeist auf einem Brett, und entsprechend dem Zahlmuster das Orakel
auf der Tafel zu suchen. Im Tempel sollte man natürlich vorher zum Gott der
Orakelstätte beten. Manchmal würfelte man wohl auf einem grossen steinernen
Quader, auf dem die Weissagungen direkt eingraviert standen, 56 mögliche
vierzeilige Orakel in Hexametern. Über den Versen standen links fünf
Zahlzeichen, in der Mitte die sich aus diesen Zahlen ergebende Quersumme,
rechts der Name einer Gottheit. Der erste Hexameter enthält eine kurze
Beschreibung des Wurfes, darauf folgt die eigentliche, inhaltlich
allgemeine, in ihren Weisungen aber eindeutige Orakelvorschrift.
Beispiel der 42. Weissagung:
4.4.4.6.3 (Quersumme .) 21. Zeus Lichtbringer
Dreimal vier, dann einmal ein Sechser und fünftens ein Dreier.
Was Du auch willst, Du erreichst es, und findest, was Du suchest.
Mutig ans Werk, o Fremdling, schon ist Dir alles bereitet.
Das Verborgene entdeckst Du, der Tag der Rettung ist nahe!
Andere Orakel hatten 24 einversige Sprüche nach den 24 Buchstaben des
damaligen Alphabets nummeriert. Auch dabei musste mit fünf Astragalen
gewürfelt werden, deren Zahlenmuster dann den Buchstaben zugeordnet wurden:
so etwa für 1.1. . . = A, . = B. Wesentlich einfacher funktionierte das
direkte Buchstabenorakel. Dazu zog man aus einer Urne bronzene Buchstaben
und suchte dann gleich den entsprechenden Vers dazu. Die Römer griffen bei
den Versen besonders gern auf Vergil zurück. Doch bei diesem Verfahren
verschwimmen Würfel mit Losorakel.
Als der römische Feldherr Caesar, statt auf Befehl des Senats sein Kommando
in Gallien niederzulegen, mit seinem Heer auf Rom zumarschierte und den
Rubicon überschritt, was für Freund oder Feind einer Kriegserklärung
gleichkam, befand er denn auch, ohne bei einem Orakelvers nachzulesen: »Alea
iacta est« Der Würfel ist gefallen. |