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Manche glauben, die
Geschichte der Wahrsagekunst hätte mit er Wettervorhersage begonnen.
Meteorologen werden dagegen auf die Tatsache verweisen, dass die frühesten
Wetterprognosen übergangslos in eine wissenschaftliche Untersuchung aller
dabei beteiligten Vorgänge mündeten. Und doch haftet ihrem
wissenschaftlichen Metier noch heute im Zeitalter der Wetter-Satelliten
etwas von den vagen und dunklen Aussagen eines antiken Orakels an. Schon
damals legte der Orakelservice gesteigerten Wert auf die Spannbreite der
Interpretationsmöglichkeiten und vermied zumeist peinlich, sich genau
festzulegen.
Seitdem der Mensch sesshaft wurde und Landwirtschaft betrieb, musste er
versuchen, Einblick in die Veränderungen und Zyklen der Jahreszeiten zu
gewinnen. Der harte Überlebenskampf gebot, die fruchtbarste Zeit bestmöglich
zu nutzen und sich vor jeder einbrechenden Katastrophe zu schützen. Obwohl
man alle klimatischen Bedingungen einer gut gelaunten oder verstimmten
Gottheit zuschrieb, mussten doch bereits recht früh divinatorische
Offenbarungspraktiken einer gründlichen Beobachtung und Erfahrung das Feld
räumen. Wir wissen heute - als eines von vielen Beispielen -, dass die
berühmte Anlage von Stonehenge im Süden Englands, deren Entstehung
zwischen 3000 und 2500 vor Christus angesetzt wird, als eine Art frühes
Observatorium mit Grosscomputer konzipiert wurde, als ein in Stein erbauter
riesiger Kalender. Er vermochte unter anderem Sonnen- und Mondfinsternisse
zu berechnen und liefert dazu noch bis weit über das Jahr 2100 hinaus
äusserst exakte Daten. Damit hatten die Erbauer die Voraussetzungen für eine
genaue Wetterbeobachtung geschaffen.
Auch die Priester Babylons waren sehr früh in der Lage, relativ verlässliche
Wetterprognosen zu liefern. Eine Tontafelbibliothek des Herrschers
Assurbanipal (669-627 vor Christus ) bot einen ganzen Katalog von
Wetterregeln, aus denen bald handlichere Kalender entstanden. Griechenland
stellte im 5. Jahrhundert vor Christus solche Kalender mit so genannten
Witterungsnotaten an öffentlichen Plätzen auf. Ein erstes Lehrbuch der
Meteorologie verfasste der Philosoph Aristoteles (384-322 vor Christus ),
der dabei den Einfluss von Kometen, Sternschnuppen, vor allem aber den von
Meeren, Flüssen und Seen auf das Wetter untersuchte. Der römische Dichter
Vergil (70-19 vor Christus ) veröffentlichte eine Fülle von Wetterregeln in
der Literatur, der Naturphilosoph Plinius (24-79 nach Christus ) arbeitete
mit diesen Regeln in seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Über Vermittlung
arabischer und des Lateins kundiger Gelehrter traten diese Informationen
ihren Siegeszug durch das mittelalterliche Europa an. Man glaubt, dass in
der »Wahrsagekunst« heutiger Meteorologen drei alte Stränge zusammenlaufen:
die langjährige gründliche Wetterbeobachtung, die zu Regeln führte, die wir
noch heute aus den so genannten Bauernkalendern kennen; eine Art früher
Naturwissenschaft im Rahmen einer Naturphilosophie und von Astronomie; und
eine Meteorologie aufgrund astrologischer Voraussagen.
Als Beginn der modernen Wettervorhersage gilt das Jahr 1774. Der
französische Pfarrer Louis Cotte veröffentlichte zu diesem Zeitpunkt seine
»Abhandlung über die Meteorologie«, in der zum ersten Male Regeln für
Wetterprognosen aufgrund »exakter Messungen« aufgestellt worden seien. Nur
wenige Jahre später eröffnete am 1. Januar 1781 im bayerischen Schwaben die
mutmasslich älteste Bergwetterstation der Erde auf dem Hohenpeissenberg, die
seitdem so gut wie ununterbrochen Daten sammelt und auswertet. Die höchste
deutsche Wetterstation befindet sich auf der Zugspitze in etwa 296o Meter
Höhe. Angeschlossen sind das Fraunhofer Institut für »atmosphärische
Umweltforschung« und ein Observatorium zur Beobachtung astronomischer
Vorgänge.
Wir können also resümieren: Es hat sich im Prinzip wenig verändert. Nicht
einmal das Wetter. Es schafft es nur mit einer allen Respekt abgewinnenden
Leichtigkeit, sich unseren festen Kategorisierungen zu entziehen. Damit
stuft es alle wissenschaftliche und global vernetzte Meteorologie immer
wieder auf das Niveau unsicherer Augurendeutung herab. Und hätten Auguren
und andere Divinationskollegen früher schon den Konjunktiv gekannt, man
hätte ihn vermutlich zum göttlichen Prinzip erhoben.
Wirklich neu aber ist der »Präsentator«. Glaubte man jahrtausendelang trotz
allem frühaufklärerischem Gehabe eines Aristoteles oder Plinius, das System
atmosphärischer »Entäusserungen« lege eine hohe und im Grunde genommen fast
unerklärliche Intelligenz göttlicher Ordnung vor, wird uns heutzutage,
allabendlich vor und nach dem Wetterbericht, das Wetter von einer
Investmentsanlage, Altersvorsorgeversicherung oder Marmeladefabrikation
präsentiert. |