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Das so genannte Zweite
Gesicht kann jemandem ungewollt kurze Einblicke in Vergangenheit und
Zukünftiges gewähren. Doch diese beschränken sich zumeist auf die eigene
Person und ihr Umfeld. Solche Fähigkeiten lassen sich sogar ein wenig
trainieren. Menschen, die sehr offen sind für die Eindrücke aus ihrem
Unbewussten, meist Frauen oder Männer mit sehr viel weiblichen Anteilen,
vermögen auch Zukünftiges von anderen Personen erschauen. Doch anders als
bei Propheten und Sibyllen beschränkt sich diese Schau eher auf Details und
hinterlässt nur einen vagen Eindruck.
Ausserdem bleiben sie in aller Regel dabei Herr/Frau ihrer selbst. Natürlich
verlaufen die Übergänge fliessend. Wenn berufsmässige Wahrsager
(berufsmässige echte Propheten kann es nicht geben) als scheinbar
unverzichtbare Werkzeuge einen Kristall, Wasser, Magischen Spiegel,
Sprechenden Kopf oder etwa Karten benutzen, dienen diese scheinbar
lebendigen Devotionalien nur als Vehikel. Sie helfen, Bilder oder
Nachrichten aus dem Unbewussten zu aktivieren und spiegeln sie
gegebenenfalls wieder. Und wer geschickt genug arbeitet, bräuchte nicht
einmal einen besonderen Zugang zu diesem Schatzhaus der Erfahrungen.
Der Psychologe Hartmut Zinser begleitete einige Klienten zu einer Berliner
Wahrsagerin. Eine Frau wollte wissen, ob sie den Mann, der ihr einen
Heiratsantrag gemacht hatte, heiraten solle oder nicht. Die Wahrsagerin
hüllte zunächst ihre Kugel mit Schwaden von Räucherstäbchen ein und liess
dann den Rauch verziehen. Jetzt sah sie einige glückliche Stunden mit dem
potenziellen Ehemann voraus, aber auch einige Schwierigkeiten - wozu es
keines Orakels bedarf. Sie gewichtete diese Aussagen aber nicht, sondern
veranlasste die Klientin mit vorsichtig nichtssagenden Aussprüchen aus dem
Kristall zu eigenen Mitteilungen und Phantasien.
Zinser fand hierbei grosse Ähnlichkeiten mit den Assoziationshilfen im
psychoanalytischen Prozess. Die Wahrsagerin verhalf der Klientin mit dem
Angebot gleichartig angenehmer und abschreckender Aussichten, sich eigener
weitgehend unbewusst gebliebener Bedenken gegen diese Ehe klar zu werden.
Raum, magisches Ambiente und Wahrsagerin waren nur Medium, die Ambivalenzen
in dieser Frage deutlicher zu sehen. Am Ende der kurzen Sitzung hatte die
Klientin sich und ihrer Zuhörerin die Zukunft so offen gelegt, dass sie
schliesslich dankbar mit der Entscheidung davonging, den Mann auf gar keinen
Fall zu heiraten. |