Studienlehrgang über Träume und Traumdeutung
 
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Wagner, Johanna - das Bündner Orakel

Am 10. Januar 1990 starb Dr. Johanna Wagner in der Nähe von München. Zwei Monate vorher war sie in Afrika, wo sie sich aufhielt, um einen heiligen Krokodilskult zu erforschen, schwer erkrankt. Damit setzte der Tod dem Wirken dieser aussergewöhnlichen Frau ein jähes Ende. Die Ethnologie verlor in ihr eine wirklich frei arbeitende, das heisst keiner Universität, keinem Lehrstuhl verpflichtete Mitarbeiterin, der Naturschutz eine engagierte Fürsprecherin und Streiterin.
Sie wurde 1922 in Leipzig geboren. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zog sie mit ihrer Familie nach Österreich. 1942 musste sie ihr Studium unterbrechen, da sie zur Arbeit in der Rüstungsindustrie dienstverpflichtet wurde. 1944 wurde sie von der Gestapo festgenommen und inhaftiert, weil sie Kriegsgefangene und »KZler« mit Lebensmitteln versorgt hatte.
Als bei einem Bombenangriff die Wachmannschaft in die Bunker verschwand und die Gefangenen eingeschlossen allein in den Zellen zurückliess, überwand sie, als ringsum die Bomben einschlugen, ihre Todesangst, indem sie mit den Mitinsassinnen zu singen anfing. »Plötzlich« wurde sie ganz ruhig und »wusste«, dass keine Bombe das Gefängnis treffen würde.
Mit ihrer Mutter floh sie - wegen des drohenden Einmarsches der Russen - 1945 von Tirol nach Innsbruck und studierte in den folgenden Jahren Germanistik, dazu begleitend Biologie, Medizin und Psychologie. 1950, nach ihrer Promotion, eröffnete sie eine kaufmännische Privatschule, deren Rektorin sie wurde.
1972, nach dem Tod ihres Lebensgefährten und ihrer Mutter, nutzte sie den gestiegenen Goldpreis und machte Gold aus dem väterlichen Erbe zu Geld. Sie unternahm zahlreiche Reisen, vor allem nach Afrika. Schon Ende der fünfziger Jahre war sie nach Island, Grönland, Ceylon, Israel und Ägypten gereist. Das Auftreten von positiven Bewusstseinsveränderungen in extremem Stresssituationen, wie sie sie selbst im Gefängnis erfahren hatte und wie sie sie bei Naturvölkern als Trance induzierendes Mittel von Schamanen beobachten konnte, wurden zu einem ihrer Forschungsthemen. Systematisch setzte sie sich Hyperstresssituationen aus: Sie fuhr bei Moto-Cross-Rennen mit, hob Gewichte, focht Florett, dauerfastete, betrieb intensiv Karate und Yoga. Sie wurde auch Mitglied eines Schlangengeheimbunds. Ungeschützt und ohne Serum unternahm sie eine Interspecies-Kommunikation mit Giftschlangen und im afrikanischen Busch ging sie - ohne Kenntnis der Gegend und ohne Ausrüstung - einfach los, »um zu sehen, was passiert«. Ihr Ziel bei all dem: den Punkt zu bestimmen, an dem jener psychische Mechanismus eintritt, den die Wissenschaft heute als endorphinabhängiges »Omnipotenzmanöver« beschreibt.
Unter dem Einfluss afrikanischer Lehrer lernte sie die alten Künste der Schamanen - tranceinduzierende Trommelrhythmen, das Rufen von Hilfsgeistern, das Schicken heilsamer Vorstellungen und Bilder, das Fliegen zu weit entfernten Orten, das Besprechen von Dingen und Fertigen von Fetischen und Amuletten. Als sie übte, »wie eine Hexe zu fliegen«, verwechselte sie im Eifer die Ebenen. Sie will durch die Wand gehen bzw. zur Decke fliegen, prellt sich stattdessen die Schulter und holt sich blaue Flecken.
Die Initiation durch afrikanische Medizinmänner liess sie verändert nach Europa zurückkehren. Sie erinnerte sich an ihre Grossmutter, die aus der Hand lesen konnte, sehr naturverbunden war und noch altes Wissen kannte und praktizierte. Auch sie begann jetzt, aus der Hand zu lesen. Später orakelte sie mit Kaurimuscheln.
Sie führte in Afrika und auch in Europa als Medizinfrau viele »psychosoziale Entgiftungen« durch. Von ihren Klienten nahm sie kein Geld, hiess sie aber, für ein Tierheim oder einen Naturschutzbund zu spenden oder einem armen Mann, einer armen Frau etwas zu geben.
Ihr Blick veränderte sich. Schaute sie anfänglich von der Zivilisation aus fasziniert in die Wildnis, so schaute sie jetzt aus der Wildnis entsetzt in die Zivilisation. Das ganze Ausmass der Entfremdung, das die (wie sie sich und uns so treffend nannte) »westlich Indoktrinierten« zur Natur und ihren Lebewesen hergestellt hatten, zu sehen, liess sie schaudern, ebenso die völlige Blindheit und das abhanden gekommene Einfühlungsvermögen für natürliche Beziehungen.
Sie lernte, mit dem ganzen Körper zu »denken«: Wenn sie in eine fremde Gegend kam, liess sie erst einmal Bäume, Tiere und Dinge zu sich sprechen. Und oft bevor sie sich mit Menschen einliess, besuchte sie das örtliche Tierheim, brachte Futter mit, streichelte die »dort einsitzenden Tiere« und sprach mit ihnen. Bei einer Bundesgartenschau in München hechtete sie im Morgengrauen über die Absperrung und tröstete die Bäume, die man, wie sie sagte, »von ihrem Zuhause gewaltsam entfernt hatte, um sie törichterweise als etwas Exotisches vorzuführen«. Sie hasste zoologische Gärten und verabscheute Schnittblumen. Sie war auch dagegen, Fetische in Museen zu stellen und unbeopfert zu lassen. Dies sei Fetischquälerei.
Als die österreichische Regierung damit begann, eine alte Auenlandschaft zu zerstören, um Platz für ein Wasserkraftwerk zu schaffen, war sich die damals schon über 6o-jährige Frau Doktor und hoch angesehene Frau Rektor nicht zu schade, dort über Wochen Tag und Nacht im Freien zu sein und mit Freunden durch eine Besetzung der Auen gegen die Naturzerstörung zu protestieren. Auch Handgreiflichkeiten und eine zeitweilige Sistierung konnten sie nicht am Bleiben hindern. Sie mochte sich nicht »in die Dinge fügen«.
Sie prophezeite, dass die Ausrottung wild lebender / frei lebender Pflanzen, Tiere und Menschen uns sowohl geistig als auch wirtschaftlich ärmer mache und dass dies auf die Zukunft gesehen unsere eigene Vernichtung nach sich ziehen wer de.
Um den juristischen Folgen ihres Engagements zu entgehen, zog sie 1985 mit ihrem »Autoopa«, einem alten VW-1600, ihren Masken, Wandteppichen und Fetischfiguren, ihrer Schakalhündin Mwalimosh und ihren Kröten nach Chur (Graubünden) in die Schweiz. Hier erwarb sie sich als »Bündner Orakel« erneut Respekt und Anerkennung.
1982 hatte sie sich in einem mehrtägigen Selbstversuch an einem Projekt über den Fliegenpilz, einer seit uralten Zeiten in Europa und Asien im Gebrauch befindlichen heiligen Pflanze, die von sibirischen Schamanen und nordamerikanischen Indianern zum Wahrsagen benutzt wurde, beteiligt. Erleben, Gefühle und Visionen sprach sie auf Tonband. Es entstand ein – in der bisherigen Literatur – einzigartiges Protokoll.
Die sehr angenehm verlaufene und stellenweise sehr humorvolle Kommunikation mit dem »Fliegenpilzmann« ermunterte sie zu weiteren eigenen Experimenten mit Tollkirschen und der Steppenraute. In ihrem letzten Artikel, den sie veröffentlichte, beschrieb sie, wie in Kamerun mit Hilfe der psychoaktiv wirkenden Muskatnuss ein Kontakt zu den Wassergeistern hergestellt werden kann, um sie zu vergangenen und zukünftigen Dingen zu befragen.
In ihren Artikeln, Büchern, Vorträgen und Workshops wollte sie eine »Stimme überm Fluss von einem anderen kulturellen Ufer« sein.
Das Buch »Anleitung zu afrikanischen Orakeltechniken« enthält ihre Arbeiten zu afrikanischen Orakelsystemen mit Strichen, Knochen, Spinnen und Kaurimuscheln, Dokumente ihres Lebens und puzzlestückhafte Beiträge von Freunden, Schülern und ehemaligen Angestellten, aus denen sich das Gesamtbild einer bis zu ihrem Tod geheim gehaltenen Biographie ergibt.

 

 

 

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