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Wackelsteine

So genannte Wackel- oder Waagsteine finden sich auf allen Kontinenten, auf markanten Felsen, auf den Grabhügeln megalithischer Kultur oder mitten im Gebirge. Sie tragen verschiedene Bezeichnungen: clacha-brath oder logan bei den Kelten, »Steine des Schicksals oder Gerichts«, »Orakel sprechende oder singende Steine« bei ihren Nachfahren. Sie sind auf ein oder zwei Unterlagen so aufgesetzt, dass man sie leicht wie den Balken einer Waage auf und ab bewegen kann. Anders die englischen rokkingstones, deren Unterlagen halbkugelförmige Vertiefungen ausweisen, in denen eine steinerne Kugel liegt, so dass sich die Auflagensteine auch drehen lassen. In aller Regel standen solche Wackelsteine mit einem archaischen Heiligtum in Verbindung oder waren die eigentliche Attraktion daselbst. Dienst tuenden Priesterinnen oder Priestern an solchen Orakelstätten eilte der Ruf voraus, einen solchen Stein mit ihrer Gedankenkraft zum Schaukeln bringen zu können – oder sie schürten zumindest das Gerücht.
Doch da man auch oft das Spiel des Windes mit einbezog, versuchten vielleicht einfühlsame und kreative Auguren, die Geräusche der Reibung, das Ächzen des Steines, in Sprache umzusetzen. Oder ordnete man den beiden Seiten der Waag-Bewegung schlicht eine Ja-Nein-Antwort zu?
Keltische Überlieferungen berichten, dass einige Steine sich in der Nacht davonmachten und sogar dabei beobachtet wurden, wie sie Zuschauer in die Flucht schlugen. Andere schienen wiederum ausgesprochen ortsgebunden. Auf der Insel Mona stand ein solcher Stein, der jedes Mal an seinen Platz zurückkehrte. Dabei unternahmen Neider grosse Anstrengungen, ihn wegzutragen und anderswo festzuhalten. Selbst das Christentum musste diesem Eigenwillen Tribut zollen. Man errichtete über dem Heiligtum ein Kirchlein und soll den heute nicht mehr auffindbaren Stein in die Kirchenmauer eingebaut haben.
Mitten auf der Insel Bornholm liegt die grossartigste Anlage: drei solcher »Rokkestene« auf einem Bergrücken (Mönchsthal), die mit der Hand bewegt werden können, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten, und alle drei bilden im Verhältnis zueinander ein gleichschenkliges Dreieck.
Bei der Frage, wie die meist riesigen Steine so punktgenau auf die Spitze der Unterlagen gelangten, scheiden sich die Geister: Waren es hohe Meister und Zauberer, die das spezifische Gewicht dieser Kolosse nach Belieben aufheben und so ein äusserst labiles Gleichgewicht auszujustieren vermochten? Auch geheimnisvolle Atlanter sind als Urheber im Gespräch, nebst anderen mythischen Riesen oder Titanen der Urzeit. Und alt müssen solche Orakel sein. Oder entstammen sie nur einer Laune der Natur? Wind, Regen und die Dichte verschiedener Steinschichten könnten durchaus solche Phänomene schaffen. Aber würden solche Kräfte nicht auf Dauer den Schwebezustand zersetzen und damit aufheben? So darf es nicht wundern, wenn das Christentum solche unerklärlichen Phänomene dem armen Teufel in die Schuhe oder Hufe schob.
Der Wackelstein an der Ruine Koppenstein im Hunsrück gewinnt eine zusätzliche Bedeutung, da er bis ins 13. Jahrhundert in eine Burgstadt einbezogen war. Ein nahe gelegener Ringwall bezeugt die lange Siedlungstradition im Umfeld dieses mutmasslichen Heiligtums. Es gibt leider keine Nachricht darüber, ob dieser Stein je zur Weissagung genutzt wurde. Wenn aber doch, wie lange mag hier ein Orakel gesprochen haben?
Unabhängig davon, dass die Orakel aller Länder zeitgleich etwa im 3. und 4. Jahrhundert nach Christus verstummten, wären solche Wackelsteine in unserer Zeit ausnahmslos Opfer der ebenso gründlichen wie mitunter unsensiblen deutschen Bauaufsicht geworden. Dem vermutlich berühmtesten Wackelstein an den Externsteinen im Teutoburger Wald vermögen heute dank überdimensionaler Dübel weder Stürme noch willensstarke Druiden ein Knirschen, Seufzen oder Singen zu entlocken.

 

 

 

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