Studienlehrgang über Träume und Traumdeutung
 
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Völuspa

Die Gesänge der isländischen »Lieder-Edda«, vermutlich Ende des 13. Jahrhunderts niedergeschrieben, stammen sicherlich aus vorchristlicher Zeit. Allerdings nahm Islands Althing erst im Jahr 999 das Christentum an. Zu den bedeutendsten dieser Gesänge zählt »Der Seherin Gedicht«, oft als Gipfel germanischer Dichtkunst gepriesen. In der Art einer Ansprache teilt eine Seherin »das Wissen ihrer riesischen Verwandten, nicht aber deren Götterhass ... In Odins Auftrag spricht sie zu den Menschen als einer aufhorchenden Thinggemeinde«: »Gehör heisch ich / heilger Sippen / hoher und niedrer / Heimdallsöhne: / du willst, Walvater / dass wohl ich künde / was alter Mären / der Menschen ich weiss.«
Und sie weiss vieles und Rätselhaftes. Mit unerhörter Wucht malt sie uns ein Bild von der Weltschöpfung bis zu ihrem Weltuntergang - Ragnarök. Einige ihrer Bilder erinnern an den vegetativen Jahreskreislauf, wenn Garm und Fenrir, die Wölfe des Winters, sich von ihren Fesseln befreien. Odin, auch als Lauf der Sonne durch den Tierkreis zu verstehen, stirbt in diesem Kampf mit den Naturriesen, mit ihm ein Teil der zwölf Götter. »... arg ist die Welt / Ehbruch furchtbar / Schwertzeit, Beilzeit / Schilde bersten / Windzeit, Wolfszeit / bis die Welt vergeht - / nicht einer will / des andern schonen.«
Doch bald erschaut sie Licht am Horizont, die Neue Erde steigt ausden Fluten, es grünt wieder, der Rest der Götter trifft sich auf dem Idafeld. Bald kehrt auch der verstorbene Frühlingsgott Balder heim und »haust« mit den anderen »im Sieghof«. Die Strophen enden oft mit der Frage, oder ist es ein Aufruf: »Wisst ihr noch mehr?«
Wenn mitten in dieser Schlacht, in der grössten Finsternis, bei der man an die Wintersonnenwende denkt, Heimdall in die Posaune bläst, erinnert dies an den Engel der Offenbarung des Johannes. Dieser Engel, oft Gabriel genannt, kündet nicht mehr nur von der vegetativen Neu- und Wiedergeburt. Seine Posaune weckt die Toten zum ewigen Leben, wenn der Mensch nach der harten und unübersehbar langen Arbeit an sich Vollkommenheit erreicht hat und endlich am Ziel angekommen ist, das einst auch Ausgangspunkt gewesen sein soll.
Damit aber würde die Seherin den Bogen von der sichtbaren zur unsichtbaren Welt spannen, von der körperlichen über die geistige zur seelischen Sphäre. Und in der Tradition aller alten wahren -+ Propheten hätte sie Anfang und Ende unserer erfassbaren Welt geschaut. Wisst ihr noch mehr?

 

 

 

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