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Veleda (germ. »Seherin«)
ist eine der berühmtesten im römisch-keltischen Kulturkreis bekannten
Sibyllen. Die in kultischer Keuschheit lebende Jungfrau wohnte im obersten
Geschoss eines Turms an der Lippe und fungierte ursprünglich als
Stammesorakel der Bructerer, die im Gebiet der oberen Ems lebten. 12 vor
Christus von den Römern unterworfen, hatten sich die Bructerer 9 nach
Christus am Kampf der Cherusker gegen den römischen Feldherrn Varus
beteiligt.
Nach Neros Tod im Jahr 68 fanden in allen Provinzen Nachfolgekämpfe unter
seinen Statthaltern statt. Im Jahr 69 wurde der Oberkommandierende der
Rheinarmee, Aulus Vitelius, von seinen Truppen zum Kaiser ausgerufen. Er
schickte deshalb einen Teil seiner Truppen nach Rom, um seinem Anspruch
gegenüber den anderen Thronprätendenten Nachdruck zu verschaffen. Die an der
Rheinmündung lebenden Bataver, die jetzt ihre Chance witterten, griffen
unter ihrem Häuptling Julius Civilis, einem ehemaligen römischen Offizier,
dessen Bruder aufgrund von falschen Anschuldigungen von den Römern
hingerichtet worden war, die militärisch geschwächten Römer an. Als Veleda
in prophetischen Aussprüchen dem Aufstand gegen die Römer ein glückliches
Gelingen vorhersagte, beteiligten sich auch die rechtsrheinisch lebenden
Bructerer und Tenkterer am Kampf.
Der römische Historiker Publius Cornelius Tacitus (55-116 nach Christus )
schreibt in seinen »Historien« Veleda einen weitreichenden Einfluss und eine
hohe, schon göttinnenähnliche Verehrung bei den germanischen Stämmen zu.
Nach der Erfüllung ihrer Weissagung über die Vernichtung der römischen
Legionen sei ihr Ansehen als Prophetin noch weiter gestiegen.
Zum Zeichen seines Dankes schickte Civilis ihr neben anderen Geschenken auch
den gefangenen Befehlshaber der XV. Legion, den Legionsrat Munius Lupercus.
Später liess er auch das Admiralsschiff des neuen römischen Befehlshabers,
Petillius Cerealis, das er in einem nächtlichen Gefecht erbeutet hatte, zu
ihr bringen und in der Nähe ihres Turms vor Anker legen. Cerealis hatte
sich, kurz bevor die Römer sein Schiff kaperten, an Land zu einem
Stelldichein mit einer (wie Tacitus betont) »verheirateten« Kölnerin mit dem
schönen Namen Claudia Sacrata in ein Zelt begeben und entging so dem
Schicksal des Lupercus.
Durch das zusätzliche Eingreifen der Treverer gelang es den Germanen bis zum
Jahr 70, alle Kastelle nördlich von Mainz zu erobern und zu zerstören. Das
mit Mauern befestigte, vom Stamm der Ubier und .römischen Kolonisten
bewohnte Opidum Colonia Agrippinensis, das heutige Köln, war nicht
angegriffen Norden. Nach ihrem Sieg stellten die Tenkterer - wie Tacitus
berichtet - aber eine Reihe von Forderungen, die mit der Drohung verbunden
war, die Stadt sonst zu zerstören.
»Damit unsere Freundschaft, unser Bund für ewig besiegelt seien, fordern wir
von euch: die Mauern der Koloniestadt, Zwingwerke eures Sklavenlebens -
reisst sie nieder: auch wilde Tiere, hält man sie eingesperrt, vergessen
ihren Mut; alle Römer in eurem Land - bringt sie um: nur schwer lassen sich
Freiheit und Zwingherren vereinen; der Besitz der Getöteten soll Gemeingut
sein, damit niemand etwas verheimlichen oder sich mit seinen
Privatinteressen absondern kann. Freistehen soll es uns und euch, wie einst
unseren Vorfahren, beide Ufer zu bewohnen. Wie das Tageslicht allen
Menschen, so hat alle Länder die Natur den tapferen Männern freigegeben.
Nehmt wieder Bräuche und Lebensgewohnheit der Väter an, reisst euch los vom
Genussleben, durch das die Römer mehr Macht über die Unterworfenen ausüben
als durch ihre Waffen. Ein echtes, unverdorbenes Volk, das die Knechtschaft
vergessen hat, werdet ihr entweder anderen gleichberechtigt sein oder über
andere gebieten.«
Die Ubier, die, wie sich bald zeigte, die Rückkehr der Römer fürchteten,
boten an, die Zölle aufzuheben und den germanischen Stämmen am Tag die freie
Durchfahrt durch die Stadt zu gewähren. Auf mehr mochten sie nicht eingehen.
Als Schiedsrichterin benannten sie Veleda. Den ubischen Gesandten, die mit
Geschenken zu Veleda reisten, wurde es aber nicht erlaubt, vor ihr
persönlich zu erscheinen. Ein Verwandter, den sie ausgewählt hatte,
überbrachte - als »Bote des göttlichen Waltens« - ihre Antwort. Veleda
rettete mit ihrem Spruch, in dem sie den Tenktereren die Annahme des
Vorschlags der Ubier empfahl, die Stadt vor der Zerstörung.
Auch in die späteren Verhandlungen zwischen Kaiser Titus Flavius Vespasianus,
dem Nachfolger des im Dezember 79 getöteten Einjahreskaisers Aulus Vitelius,
und den Aufständischen war Veleda mit eingeschaltet. Der auf Ausgleich und
Frieden bedachte Vespasianus verzichtete darauf, die Colonia Agrippinensis
mit Gewalt zurückzuerobern.
Als die Römer die Rheinkolonien zurückgewannen und die Bructerer besiegten,
ging Veleda als Asylantin nach Italien.
1926 fand man bei Ausgrabungen südlich von Rom wundersamerweise ein 6,5
Zentimeter langes, mit Buchstaben in griechischer Schrift bedecktes
Marmorbruchstück. Daraus geht hervor, dass Veleda von Kaiser Vespasianus
dafür bezahlt wurde, in einem Tempel Dienst als Wahrsagerin zu tun. Die
Inschrift beschreibt sie als »hochgewachsene Jungfrau, die verehrt wird bei
den Rheinwassertrinkern«.
In einem Ausschuss, der sich in den achtziger Jahren darum kümmerte, welche
Personen als Standbilder den Kölner Rathausturm schmücken sollten, schlugen
die weiblichen Mitglieder einmütig die Retterin der Stadt, die Prophetin
Veleda, vor. Die männlichen Mitglieder votierten dagegen geschlossen für die
Kaiserin Agrippina, die 5o nach Christus der Stadt der Ubier den Status
einer Kolonie mit römischen Bürgerrechten verliehen hatte. Die Entscheidung
der Männer hatte das grössere Gewicht. Agrippinas Standbild grüsst seither
vom Kölner Rathaus. So gedenkt Köln anstelle der einheimischen Prophetin
stolz einer Frau, die ihren Gatten, den Kaiser Claudius, mit einem Gericht
aus Kaiserpilzen, die mit Knollenblätterpilzen vergiftet waren, heimtückisch
umgebracht hat und die mit ihrem Sohn Nero ein Ungeheuer in die Welt setzte,
das nicht davor zurückschreckte, die eigene Mutter ermorden zu lassen. |