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Der Abt des Klosters in
Sponheim und (später des Schottenklosters in Würzburg) ist einerseits in die
Geschichte als einer der hervorragendsten Vertreter des frühen deutschen
Humanismus eingegangen, andererseits gilt er als Experte auf dem Gebiet der
Geheimen Künste. Die Landbevölkerung im Hunsrück kennt Trithemius aus der
Volkssage und alten Schulbüchern noch bis heute als kundigen Zauberer.
Als Junge hatte Johannes im Traum eine Vision. Ein Jüngling in weissem
Gewand zeigte ihm zwei Tafeln. Die eine war mit Buchstaben beschrieben, die
andere mit Figuren bemalt. Der Jüngling liess ihn wählen, welche er wolle.
Spontan entschied Trithemius sich für die Tafeln mit den Buchstaben. Der
Jüngling sagte ihm daraufhin, dass Gott seine Gebete, Wissen zu erlangen,
erhört habe.
Seit Trithemius 1483 zum Abt des Klosters Sponheim gewählt worden war,
kaufte er wundersame Bücher auf, liess sie sich schenken oder lieh sie »für
dauernd« aus, so dass die Bibliothek in Sponheim bald wegen ihrer Schätze
berühmt war. 1502 fand sich dort die für die damalige Zeit ungeheure Zahl
von 1646 Bänden in der Bibliothek! Immer mehr Gäste besuchten das von Trithemius renovierte und mit Gästestuben versehene Kloster. An die Wände
liess er Sinnsprüche in Griechisch, Lateinisch und Hebräisch einmeisseln, so
dass ein Gast sich leicht wie in einer antiken Orakelstätte vorkommen
konnte. Und für das Sommerrefektorium liess er fiktive Porträts seiner
Vorgänger malen und aufhängen.
Trithemius, der in der Bewahrung des druidischen Erbes der Germanen eine
seiner wichtigsten Aufgaben sah, nannte das Kloster in Briefen ganz
unkirchlich domus druidorum, Haus der Druiden, und liess sich von Freunden
auch gern selbst als Druide feiern.
15(x) hatte Trithemius den ersten und zweiten Teil des »vielleicht
seltsamsten Buches der Welt« (M. Kuper), die »Steganographia«
(Geheimschrift) fertig gestellt. Diese Schrift enthielt eine Anleitung zum
Verfassen von Geheimschriften, im dritten, Fragment gebliebenen Teil finden
sich Spekulationen über magische Beziehungen zwischen Zeichen, Zahlen und
Buchstaben und den geheimen Namen von Geistern.
Die 31 Kapitel des ersten Buches enthalten ebenso viele Chiffrierweisen für
die geheime Übermittlung von Botschaften. »An der Spitze eines jeden
Kapitels«, schreibt Isidor Silbernagl, Verfasser einer Trithemius-Biographie
des 19. Jahrhunderts, »steht ein Geistername, gleichsam als Träger der hier
enthaltenen Geheimschrift, dem dann wieder mehrere untergeordnete Geister,
welche Worte oder Sylben bezeichnen, zur Seite stehen. Die Geisternamen sind
beim ersten Buch aus der Kabbalah, im zweiten aus dem so genannten Schlüssel
Salomonis oder aus den Werken des Hermes genommen. Die Geheimschrift selbst
oder vielmehr die Regeln für die Anwendung derselben sind in den
Beschwörungen enthalten.«
Trithemius hatte, wie er einem Studienfreund schrieb, diese besonderen
Künste nachts durch eine Erscheinung im Traum gelehrt bekommen, und zwar
alles einzeln der Ordnung nach: »Man zeigte mir, wie leicht das verwirklicht
werden könnte, worüber ich viele Tage vergebens nachgedacht hatte.«
1676, in der von dem Juristen Heidel herausgegebenen gedruckten Version der
»Steganographie«, die auch Texte enthielt, die Trithemius zu seinen
Lebzeiten nicht an die Öffentlichkeit gelangen liess, kommt die Katze aus
dem Sack. Zur Übermittlung von Nachrichten in schwierigen Situationen
empfahl Trithemius doch die Beschwörung von Geistern. »Wenn ... alle
Vorschriften erfüllt sind«, führt Trithemius unter Bezug auf seine
Experimente aus, »so werden dir, sobald du die Beschwörung gesprochen hast,
die Geister erscheinen, welche du gerufen hast, bereit zu allem, was du
ihnen vorschreibst.«
Im April des Jahres 1508 begleitete Trithemius Kaiser Maximilian mehrere
Wochen auf einer Reise und fuhr als geschätzter Gesprächspartner zeitweise
auch in der Kutsche mit. Während dieses Zusammenseins habe Trithemius, wie
in Luthers Tischgesprächen dargestellt, den Kaiser Erscheinungen früherer
Herrscher und auch seiner verstorbenen Braut Maria von Burgund sehen lassen.
(Trithemius habe, vermutlich mit Hilfe einer Camera Obscura, für die erste
Kinovorstellung der Weltgeschichte gesorgt, befand der, selbst auch als
Bühnenmagier tätige, Schauspieler Orson Welles einmal im Gespräch mit dem
Hollywood-Regisseur Fred Zinneman.)
Trithemius, der - wie ihn sein Biograph Michael Kuper nennt - »Schelm in der
Kutte«, geriet bei einem anderen Zauberstückchen, das er für den Kaiser
durchführte, in arge Nöte. Von dem in Bezug auf eine ehrwürdige Ahnenschaft
sehr erwartungsfrohen Kaiser gebeten, eine Chronik zu schreiben, die, wie
Trithemius angedeutet hatte, seine Abstammung von den Fürsten von Troja
belegen könne, »verbesserte« der gut besoldete Trithemius »das überlieferte
Alte« unter Einführung eines fiktiven Chronisten namens Hunibald und des
Berichts über die Wahrsagekünste der weisen Albruna im Sinne des Kaisers.
Die Chronik geriet zum Fantasy-Roman. Als der Kaiser die zwölf Bücher des
Hunibald in originaler Urschrift sehen wollte, kam Trithemius sehr ins
Schwitzen.
Als den grössten aller Fabelhälse musste sich Trithemius deshalb ein Jahr
vor seinem Tod beschimpfen lassen. 1514 hatte er in der Einleitung zu seiner
gerade geschriebenen »Hirschauer Chronik« noch vollmundig geschrieben: »Die
erste Vorschrift für den Geschichtenschreiber ist, sich von der
ungefälschten Wahrheit leiten zu lassen ... Ein Mund, der lügt, tötet die
Seele, und ein Schriftsteller, welcher Erlogenes mit Wahrem vermischt,
bringt Verwirrung in die Geschichte.« |