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Bereits im Alten
Testament liess König Saul durch die Hexe von Endor eine Totenbeschwörung
durchführen, um seinen weisen Lehrer, den Propheten Samuel, zu befragen.
Gilgamesch suchte Rat bei seinem Ahnen Utnapischtim, Odysseus rief die Seele
des Teiresias aus dem Hades. Bedeutende Totenorakel befanden sich zu
Herakleia am Pon ,os und zu Ephyre am Fluss Acheron, wo schon der Sänger
Orpheus in die Unterwelt hinabgestiegen war. In Italien lag der Eingang zur
Welt der Toten bei Cumae am Avernersee. Nach Opfern und Gebeten erschien
Anfangs suchte man bei den Toten einen weisen Rat. Im Laufe der Zeit verkam
die Praxis zur spektakulären Nekromantie. Spezialisten zwangen mit der Magie
geheimer Zauberpapyri Dämonen der unteren Hierarchien herbei, manchmal
genügten Selbstmörder, früh Verstorbene oder Hingerichtete. Die Beschwörer
zogen alle Register, um Grusel und Schauer zu verbreiten. Meist sollten die
Herbeizitierten Diebe oder Lotterienummern benennen, Verstecktes finden oder
gestehen, wo ihr eigenes Geld zu finden sei. Letztlich konnte man versuchen,
sie nach allem zu befragen, wusste aber nie, wo die Wahrheit in die Lüge
überging und umgekehrt.
In Mittelalter kursierte die Kunde vom bedeutendsten Totenorakel auf dem
Venusberg. Aber niemand wusste genau, wo er lag. Manche verlegten ihn,
zusammen mit einer Nekromantenausbildungsschule, an den Nursiner See in
Umbrien. Dem Venusberg im thüringischen Hörselgebirge wurden erst im 19.
Jahrhundert dieser Name und diese Funktion zugedacht. Daneben konkurrierten
der Schweizer Pilatus, im Mittelalter Fractus mons genannt, mit dem kleinen
See auf der Bründlialp, der imaginäre Blocksberg und der ebenso wenig genau
zu lokalisierende Heuberg. Wichtig war in jedem Fall, dass in unmittelbarer
Nähe des Venusbergs ein See lag, um dort vom Teufel die unverzichtbaren
Zauberbücher weihen zu lassen. Zu diesen zählten »Claviculum Salomonis«, »Sigillum
Salomonis«, »Jerauchia«, »Stamphoras« und »Der Höllenzwang des Dr. Faustus«
(Faust). Als der Habsburger Kaiser Maximilian sich über den Tod seiner
Gattin untröstlich zeigte, zwang der Sage nach Abt Trithemius die
Verstorbene, ihrem Mann zu erscheinen, ganz unpreziös bei ihm zu Haus.
Für die schlichte lokale Friedhofsnekromantie ohne teure Fachleute werden
verschiedene Verfahrensformen empfohlen: Die Toten könne man zwingen zu
antworten, indem man die Fragen durch reines Linnen stellt, das man sich vor
den Mund hält, wenn man durchs Schlüsselloch der Kirchhofstür fragt, sich
auf die Gräber stellt und droht oder sich, eine Kerze in der Hand haltend,
mit dem Rücken vor einen Spiegel postiert und jeweils dabei energisch nach
ihnen ruft. Das sollte immer zwischen elf und zwölf Uhr nachts, am besten
Schlag Mitternacht geschehen. Wer ausserdem einen Pakt mit dem Teufel
schliesst, muss einkalkulieren, nicht nur seine Seele zu verschreiben,
sondern sein Leben lang nur noch ein- und dieselbe wollene Unterjacke und
ein Strumpfband zu tragen sowie sich nur an Samstagen rasieren zu dürfen.
Obendrein muss er mit einem frühzeitigen und gewaltsamen Exitus rechnen.
In vielen seriösen Überlieferungen heisst es jedoch, man solle die Toten
nicht stören. Wer es trotzdem nicht lassen könne, dürfe sich nicht wundern,
wenn sie wütend mit Steinen und Knochen werfen. |