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Tibetisches Staatsorakel

Als der 5. Dalai Lama 1642 die weltliche Macht in Tibet ergriff, erhob er das Orakel im Kloster Neuchung zum Staatsorakel, das bis heute besteht. Noch immer lässt sich sowohl die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala als auch der amtierende 14. Dalai Lama an regelmässigen Orakelfeiertagen und zu besonderen Anlässen in weltlichen und spirituellen Angelegenheiten divinatorisch beraten.
Im alten Tibet befehligte einer der ranghöchsten Lamas als menschliches Medium des Nechung-Orakels einen beachtlichen Hoofstaat und zelebrierte seine Liturgien in einem eigenen schwarz gehaltenen Tempel. An den Wänden hingen rätselhafte Waffen, denen man eine grosse Zauberwirkung zuschrieb, in den Winkeln lauerten ausgestopfte Vögel, Tiger und Leoparden. Bilder von Schreckensgöttern und eine im ganzen Land gefürchtete Maske aus getrocknetem Leder blickten auf den Besucher.
Im heutigen Exil muss auf einiges Ambiente verzichtet werden. ZU Beginn einer Orakelsitzung wird der Lama von Neuchung durch allerlei rituelle Gesänge und Räucherungen in Trance versetzt. Er trägt eine reich verzierte Robe und eine Art Rüstung von vier Fahnen und drei Siegbannern. Nach langen Gebeten setzt man ihm zusätzlich einen 15 Kilogramm (früher 40 Kilogramm) schweren Helm auf. Bald nimmt sein Gesicht einen sonderbar wilden Ausdruck an. Die Augen quellen hervor, die Wangen blähen sich auf. Sein Atem wird kurz und flach und er beginnt, laut zu zischen. Er gerät in vollkommene Besessenheit, »die sterbliche die Hülle des Mediums dehnt sich sichtbar aus«. Abrupt springt er auf, ergreift das Ritualschwert und beginnt »einen würdevollen aber irgendwie bedrohlich wirkenden Tanz«, wobei er die vulkanische Energie der Gottheit kaum zu bändigen vermag.
Die durch den Nechung-Lama heraufbeschworene Gottheit heisst Pehar oder Pedkar. Meist zitiert man jedoch nur seinen Adjutanten Dorje Drakden herbei, da Pehar so gewalttätig sein kann, dass er das Leben seines Mediums in Gefahr bringe. Pehar steht einer Gruppe von fünf zornigen Göttern vor, die zusammen »das Schutzrad« genannt wird oder »die fünf Könige des Dharma«. Dorje Drakden gilt als ihr Minister. Früher artikulierte er sich in einer kaum verständlichen Sakralsprache, die erst gedeutet werden musste. Heute spricht er gehobenes Tibetisch, in einer Mischung aus Prosa und Poesie.
Ob das Orakel immer vorteilhafte Ratschläge erteilte, bleibt umstritten. Der regierende Dalai Lama gesteht, dass es selbst unter Tibetern viel Kritik gibt, wenn er »fortwährend auf diese alte Methode« zurückgreife, behauptet allerdings, das Orakel hätte immer wieder Recht behalten. »Das heisst aber nicht, dass ich mich allein auf den Rat des Orakels verlasse. Das mache ich nicht. Ich befrage es ebenso, wie ich mein Kabinett oder mein Gewissen befrage. In gewisser Hinsicht fungieren die Gottheiten als mein Oberhaus, das Kabinett hingegen als mein Unterhaus. Wie jeder andere Staatsmann hole ich mir die Meinung von beiden ein, bevor ich eine politische Entscheidung treffe« .

 

 

 

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