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Das Orakel von Telmissos
in Phrygien ist uns vor allem durch Plutarch bekannt. In seinem Buch »Leben
des Solon« erzählt er die Geschichte des Gordios.
Gordios, ein einfacher Bauer, sah eines Tages zu seinem Erstaunen, wie sich
ein Königsadler auf der Deichsel seines Ochsenkarrens niederliess. Der Adler
schien den ganzen Tag dort sitzen bleiben zu wollen. Gordios sah darin ein
Zeichen und trieb seine Ochsen nach Telmissos, wo sich ein verlässliches
Orakel befand. Vor der Stadt stiess er auf eine Prophetin. Als diese den
Adler auf seiner Deichsel sitzen sah, bestand sie darauf, dass er umgehend
dem Gott Zeus ein Opfer darbringen solle. Damit er das rechte Opfer wähle,
bat sie, ihn begleiten zu dürfen. »So soll es sein«, erwiderte Gordios. »Du
scheinst mir eine weise und kluge junge Frau zu sein. Bist du bereit, mich
zu heiraten?« - »Erst wenn das Opfer dargebracht ist«, entgegnete sie.
Inzwischen war der König von Phrygien gestorben. Und da er keinen Erben
hatte, verkündete das Orakel: »Phrygier, euer neuer König nähert sich mit
seiner Braut auf einem Ochsenkarren!« Als nun Gordios auf dem Marktplatz von
Telmissos einzog, galt die ganze Aufmerksamkeit des Volkes dem Adler, und
sie wählten ihn einstimmig zum neuen König. Dankbar weihte Gordios Karren
und Joch, das er auf besondere Art an die Deichsel geknotet hatte, dem Zeus.
Ein weiteres Orakel verkündete dann: Derjenige, der diesen Knoten zu lösen
vermöge, würde Herr über ganz Asien werden. Joch und Deichsel wurden in der
Akropolis der Stadt Gordion aufbewahrt. Diese Stadt, von König Gordios
gegründet, galt als Tor zu Kleinasien und beherrschte mit ihrer Zitadelle
die Handelsroute von Troja nach Antiochien. Mit Argusaugen behüteten die
Priester des Zeus über Jahrhunderte dieses religiöse Mysterium - bis
Alexander der Grosse kam und diesen Knoten mit seinem Schwert zerschlug. |