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Inmitten einer endlos
welligen Ebene Südenglands erheben sich einsam und wie verloren die grauen
Steinkolosse von Stonehenge. »In der Nähe aber wächst das Heiligtum auf
seiner flachen Anhöhe riesenhaft empor und wird zur Krönung der Landschaft,
in der nichts Kontur und Festigkeit hat ausser diesen ragenden Pfeilern. Der
sakrale Steinring, Symbol der Ewigkeit, ohne Anfang und Ende, ist längst
durchbrochen, aber selbst das verstümmelte Sanktuarium scheint noch ein
geheimnisvolles Kraftzentrum und reinster Ausdruck eines kosmischen
Lebensgefühles«, schwärmt Sibylle von Reden.
Dass hier die Phantasien angeregt werden und ins Kraut schiessen, darf nicht
verwundern. So verlegten die einen den Ursprung der Anlage kühn in die
Urzeit der Menschheit, während andere die Erbauung den Kelten zuschrieben.
Tatsächlich stammt sie wohl aus der Megalithzeit um 3000 vor Christus , und
ihre komplizierte Baugeschichte reicht bis etwa 1500 vor Christus Diese
Zahlen hielten bis jetzt selbst modernsten Messtechniken stand. Schwieriger
blieb die Frage nach dem Zweck. Vorgefundene Leichenbrandstätten und
Opfergruben verliehen dem Ort einen düsteren Anstrich. Befand sich hier eine
Totenstadt, ein überdimensionaler Opferaltar? Moderne Pilger wittern einen
energetischen Kraftplatz von weltumspannenden Dimensionen.
1963 hatte der amerikanische Astronom Gerald Hawkins mit Hilfe eines
Computers die Position von Sonne, Mond und einer Reihe von Sternen um das
Jahr 1600 vor Christus errechnet. In seiner Zeit datierte man die Entstehung
von Stonehenge noch um 190o bis 1600 vor Christus Seine dramatische
Entschlüsselung des Bauwerks bewies, dass es nicht nur wie viele andere auf
die Sommer- und Wintersonnenwende, sondern auf alle Sonnen- und Mondstände
im Jahr ausgerichtet war. Hawkins glaubte sogar, dass jeder der Blöcke eine
besondere astronomische Funktion und Bedeutung hatte, und sprach von einem »hochentwickelten
und glänzend konzipierten Observatorium«, vom »neolithischen Grosscomputer«
und -kalender, der Sonnen- und Mondfinsternisse bis in unsere Zeit
vorausrechnen könne.
Da sich die Hauptausrichtung der Anlage auf den Mittsommer-Sonnenaufgang
orientiert, vermutete man auch einen Sonnentempel, sogar das
Zentralheiligtum eines nordischen Sonnenkults. Nicht abwegig scheint es da,
an den antiken Bericht des Diodorus Siculus zu denken, der von einer Insel
»oberhalb des Landes der Kelten im Ozean« wusste, die von den Hyperboräern
bewohnt werde. Einmal im Jahr reise Apollon mit seinem Gespann zu seinem
dortigen Heiligtum. »Ein heiliger umschlossener Platz ist ihm geweiht und
ein prächtiger Rundtempel mit vielen Votivgaben ...«
Für Robert von Ranke-Graves war der Sonnengott von Stonehenge als »Herr der
Tage« quasi auch zugleich Herr des Alphabets. Denn den fünf Jahreszeiten ä
72 Tagen, unterteilt in drei mal 24, hatten zumindest die Kelten 15
Konsonanten, den fünf überzähligen heiligen Tagen am Jahresende fünf Vokale
des alten Alphabets zugeordnet. Ranke-Graves wollte diese Zahlen in der
letzten Bauphase (so genannte Stonehenge III) wiedererkennen. Bot diese
Anlage weit mehr als einen astronomischen Fixpunkt zur Beobachtung der
Gestirne und der damit möglichen Wettervorhersage? |