Studienlehrgang über Träume und Traumdeutung
 
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Steinweissagung

Ewig unbewegte Steine würden wachsen und erhielten ständig frische und unverdorbene Kraft aus der Erde, glaubten die Menschen. Besonders Grosssteine und Findlinge umwob ein besonderer Zauber, eine brisante Mischung unvorstellbaren Alters mit zeitloser Weisheit und voller ehrwürdiger Kraft. Solche Steine sollten gehen, tanzen, schaukeln, sprechen, schreien, ja sogar singen können. Ein dem Orpheus zugeschriebenes Gedicht spricht von Ophites (Schlangensteinen) und Siderites (Sternsteinen). Der Ophites ist rau, schwer, schwarz und besitzt die Gabe der Sprache. Wenn man sich anschickt, ihn wegzuwerfen, so bringt er einen Ton hervor, ähnlich dem Schrei eines Kindes. Mit Hilfe dieses Steines sagte der Seher Helenos, der grosse Seher Trojas, den Untergang seiner Heimatstadt voraus. Eusebius, der christliche Bischof von Caesaria im 4. Jahrhundert, trennte sich niemals von seinem Ophites, den er auf der Brust trug und von dem er Orakel empfing, die in einer »dünnen Stimme« erklangen, ähnlich einem »leisen Pfeifen«. Arnobius, ein Heiliger der christlichen Kirche, gesteht, dass er niemals an einem dieser Steine vorbeigehen konnte, ohne an ihn eine Frage zu stellen. Die Antwort tönte in einer »klaren und scharfen dünnen Stimme«. Der wohl berühmteste Stein in Europa, der Lia Fail, sprach aber nicht mit jeder Laufkundschaft.
Ähnlich dem Wolkensehen können wir auch das Steinsehen als Orakel nutzen. Nur sollte hierbei besser zunächst die Frage formuliert werden, und dann lasse man sich in einer felsigen Gegend zu dem »Antwortstein« führen. Es funktioniert auch mit kleinen Steinen und Kieseln, doch bieten äussere Form, Beschaffenheit, Zeichnungen und Bewuchs weniger an Aussagekraft, was manchem die Interpretation erschweren mag.
Zu den von der Kirche im 8. Jahrhundert verbotenen »unchristlichen Bräuchen« gehörte das Steinorakel im Krankheitsfall. Vor einem Krankenbesuch hob man einen willkürlichen Stein hoch. Gab es darunter Leben (Würmer, Ameisen), sollte der Kranke genesen. Im anderen Fall standen seine Chancen mehr als schlecht.
Wer beim Ausgehen über einen Stein stolpert, lerne noch am gleichen Tag jemand Interessantes kennen. Wer auf dem Weg zur Tanzveranstaltung mit dem Fuss an einen Stein stösst, werde abends heimgebracht. Wer auf dem Nachhauseweg an den Stein stösst, werde sehnsüchtig erwartet. Die Stadt Lübeck besass im Mittelalter einen »Prüfstein«, auf den sich Fremde setzen mussten. Schwitzte der Stein, galt dies als Beweis, dass sie keine »Aussätzigen« waren.
Rollt Brautleuten auf dem Weg zur Hochzeit ein Stein entgegen, drohe Ärger in der Ehe. Fällt ein Stein vom Dach, soll es bald einen Toten geben, fällt ein Stein vom Herzen, wird es heller. Aufgehobene Steine dürfe man nicht nach Hause tragen, sonst verursachten sie ein Unglück. Steine sollte man immer liegen lassen, wo sie sind, oder sie zumindest genau wieder so hinlegen. Wenn die drei Steine, die König Heinrich I. in Goslar einmauern liess, einmal herausfallen, stehe das Weltenende bevor.
In Berchtesgaden am Hintersee liegt der so genannte Heiratsstein, eine Art Sitzstein mit wannenartiger Vertiefung. In dieser Wanne liegt ein weiterer Stein, vierkantig und roh behauen, mit einem Gewicht von etwa 25 Kilogramm und auf allen vier Seiten zwei bis drei Zentimeter eingemeisselten Handgriffen. Wer diesen Stein dreimal - manche verlangen siebenmal - um den Basisstein herumträgt, darf sicher sein, noch im gleichen Jahr einen Partner, eine Partnerin zu finden oder zu heiraten. So behauptet eine recht alte Überlieferung.

 

 

 

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