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Rudolf Steiner wurde am
27. Februar 1861 in Kroatien als Sohn eines Bahnbeamten geboren. Das
empfindsame Kind war früh schon hellsichtig. Als Knabe hatte er im Wartesaal
des Bahnhofs von Pottschach die Erscheinung des Geistes einer Verwandten,
die Selbstmord begangen hatte und ihn um Hilfe bat. Bei Gängen im Freien sah
er die Naturgeister als »schaffende Wesenheiten« hinter den Dingen. Steiner
schwieg über diese Erlebnisse gegenüber seiner Umgebung aus Furcht, als
abergläubisch zu gelten. In seiner 1909 erschienenen Sammlung von Aufsätzen
»Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?« lautete einer seiner
Leitsätze denn auch »Verstehe über deine geistigen Gesichte zu schweigen«.
Erst als Jugendlicher fand er in einem alten Kräutersammler eine verwandte
Seele. Es erschien ihm, als ob dieser – unberührt von der Zivilisation,
Wissenschaft und Anschauung der Gegenwart – ein instinktives Wissen der
Vorzeit an ihn heranbrächte. Ein anderer Mann, der ihm zufällig begegnete
und mit dem er sich austauschte, wurde mit dem, was er sagte, für ihn zum
Meister. Wenn er den immer stärker werdenden Materialismus besiegen wolle,
sagte der Fremde, müsse er damit beginnen, ihn zuerst zu begreifen. »Du
wirst nur dann Sieger über den Drachen werden, wenn du in seine Haut
schlüpfst.« Bis 1879 besuchte Steiner die Realschule in der Wiener Neustadt
und schlüpfte dann in »die Haut des Drachen«: Er studierte Mathematik,
Physik, Biologie und Chemie an der Technischen Hochschule. 1891 promovierte
Steiner über Johann Gottlieb Fichtes Wissenschaftslehre.
Bereits 1882 war er mit der Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften
Goethes betraut worden. Im vertieften Studium von Goethes Schriften und
Tagebüchern offenbarte sich ihm dessen intensive Beschäftigung mit den
übersinnlichen Welten und seine Befassung mit okkulten Dingen, denen der
alte Goethe im Gartenhäuschen in Weimar nachgegangen war und die er im
Tagebuch mit seltsamen Worten bezeichnet hatte.
Ab 1900 setzte Steiner seine hellseherischen Fähigkeiten voll ein. Als
Hellsichtiger las er in der Akashachronik, der - im Sinne eines
Weltgedächtnisses - alle Begebenheiten der Vergangenheit eingeschrieben sein
sollen. »Im Akasha«, schreibt Maria Szepes in ihrer »Adacemia Occulta«,
»bleibt jede Erinnerung, jedes gesprochene Wort, jedes Ereignis erhalten,
sodass das Auge des Sehers jederzeit eine beliebige Tatsache der
grenzenlosen Vergangenheit heraufbeschwören kann. Ein Adept, der in der
esoterischen Praxis geschult ist, kann sowohl in der Vergangenheit wie in
der Zukunft lesen.«
In Vorträgen, Artikeln und Büchern machte er das erhaltene Wissen über die
höheren Welten der Öffentlichkeit bekannt. Im Lauf der Jahrzehnte äusserte
sich Steiner bis ins Detail über die dem Menschen vorausgegangenen
Wurzelrassen und Erdzeitalter, über die zukünftige Entwicklung der Menschen
und der Erde, über die den Menschen übergeordneten Wesenheiten
(Engelhierarchien), über die Gesetze der Reinkarnation und über das Leben
nach dem Tod. Wie der Mann mit der Lampe in Goethes esoterischem »Märchen«,
sagte auch Steiner: »Es ist an der Zeit!« Aus der bisher nur wenigen
Eingeweihten zugänglichen Geheimwissenschaft wollte Steiner eine für jeden
zugängliche Offenbarungswissenschaft machen. »Es schlummern in jedem
Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten
erwerben kann.«
In der Anthroposophie, in den 1919 auf seine Anregung geschaffenen
Waldorf-Schulen und mit dem in Dornach errichteten »Goetheanum« haben die
Visionen des 1925 Gestorbenen Ausdruck gefunden. Sie gaben dem Abendländer
ein neues, geistiges Licht. |