Studienlehrgang über Träume und Traumdeutung
 
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Stab- und Pfeilorakel

Wenn es um so elementare Fragen ging wie Kriegsbeginn, Schuld und Unschuld von wichtigen Angeklagten oder die Auswahl der Opfer, befragte man im Altertum das Stäbchenorakel. Der römische Schriftsteller Tacitus überliefert uns das Verfahren bei den Germanen, das in dieser oder ähnlicher Form viele Völker praktizierten. »Einen Zweig, den sie von einem fruchtbringenden Baum abgeschnitten haben, zerteilen sie in kleine Stäbe. Diese unterscheiden sie durch gewisse Zeichen und streuen sie aufs Geratewohl und, wie der Zufall es will, über ein weisses Linnen. Dann betet der Priester, wenn öffentlich, der Familienvater, wenn von Einzelnen um Rat gefragt wird, zu den Göttern, indem er zum Himmel hinaufblickt und drei Stäbchen nacheinander aufhebt. Diese deutet er nach dem Zeichen, das vorher auf je des eingeritzt war. Sind die Zeichen noch die Bestätigung durch Vorzeichen zu erlangen. Dann ist es üblich, Stimme und Flug der Vögel dafür zu beobachten« . Römische Auguren der Spätzeit setzten solche Orakelfindungen so lange fort, bis sich ein günstiges Ergebnis offenbarte.
Kompliziertere Verfahren benutzten so viele Stäbe, wie das Alphabet Buchstaben hat. Die auf dem Stab eingeritzten Buchstaben ergaben dann beim Wurf Zusammensetzungen, deren eigenwillige Sprache nur noch übersetzt werden musste. Solche Formen haben sich noch im Buchstabenorakel als eine bestimmte Form des Losorakels gehalten. Diese Buchstaben werden meist auf Zettel geschrieben und diese Zettel aus einem Behältnis gezogen. In Homers »Ilias« wirft der trojanische Held Hector Stäbchen mit Zeichen in seinen Helm, schüttelt sie mit abgewandtem Blick und lässt dann eines herausziehen. Eine vereinfachte Form davon hat sich bis heute gehalten. Zu einem Problem werden dem Frager drei Stäbchen in den Schoss geworfen: Jedes besitzt eine schwarze und eine weisse Seite. Zeigen zwei der Stäbe die schwarze Seite oben, gilt die Antwort des Orakels als negativ. Kelten bevorzugten für dieses Orakel Eibenzweige, andere Völker stützten sich auf Hasel, Holunder und Wacholder.
Alternativ dazu wurden oft Pfeile benutzt, und später taufte man diese Form Belomantie (Pfeilorakel). Der Prophet Hesekiel weissagte für die Schlacht gegen Jerusalem: »Denn der König von Babel wird sich an die Wegscheide stellen, vorn an den zwei Wegen, dass er sich wahrsagen lasse, mit den Pfeilen das Los werfe, seinen Abgott frage und schaue die Leber an.« Bei den Arabern schoss ein Priester aufs Geratewohl zwölf Pfeile ab, um je nach Art ihres Niederfallens seine Analysen zu ziehen. Von Indern, Mongolen und Berbern wird folgendes Verfahren zur Vorhersage über den Ausgang einer bevorstehenden Schlacht überliefert. Zwei Personen fassten je ein Paar Pfeile an den Spitzen und hakten die Kerben ineinander. Unter den Beschwörungen eines Zauberers begannen sich diese Pfeilspitzen wie von selbst zu bewegen, miteinander zu kämpfen, bis eine Partei sich sichtbar über die andere erhob.
Die einfachste und allgemeine Form des Pfeilorakels eignet sich für jede Fragestellung. Je nach Erwartung präpariert man sie mit Aufschriften von Zahlen, möglichen Antworten, Kandidaten etc, um sie, wie im Losorakel, zu ziehen. In der Symbolik besitzt der Pfeil eine stark sexuelle Komponente im Sinne aktiver Schöpfungskraft. Trifft er als Waffe des Schützen sein Ziel, beginnt ein Prozess, und sei es der Tod, der in der Natur vor jedem Neuanfang steht.

 

 

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