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Was passiert, wenn einem
das Haupt abgeschlagen wird? Wird dann der dort vermutete Verstand endlich
frei von irdischen Begrenzungen, von Raum und Zeit? Oder verliert dieser
damit nur seine Bodenhaftung?
Auf der griechischen Insel Lesbos weissagte ein Orakel der Überlieferung
nach aus dem Haupte des Orpheus. Nachdem im Rausch rasende thrakische
Mänaden, Anhängerinnen des Unterweltgottes Dionysos, den begnadeten
Religionsstifter, Sänger und Leierspieler Orpheus zerrissen und die Musen
selbst dessen Leichnam bestattet hatten, sollen Haupt und Instrument auf dem
Wasser nach Lesbos geschwommen sein. Bei Mimirs abgeschnittenem Kopf holte
sich der germanische Gott Odin oft und bedeutenden Rat.
Neben der Seele, die lange auch in der Leber vermutet wurde, galt der
Kopfbereich als Sitz der Lebenskraft und damit als Ausgangspunkt aller
schöpferischen Zeugung, allen Wissens und Kreativität. Im Mittelalter
kursierte der Glaube, besonders weise, findige oder im Sold des Teufels
stehende Männer hätten deswegen künstliche Köpfe geschaffen, die alles
wüssten und jede Frage beantworteten. Als erster stand Gerbert von Aurillac
im Verdacht, der spätere Papst Silvester II. Aus seinem kupfernen
Menschenhaupt liess es sich Satan wohl nicht nehmen, höchst persönlich Rede
und Antwort zu stehen.
Das »Museum of Magic and Witchcraft« in San Francisco führt eine Abteilung
von Sprechenden Köpfen. Dort wird der Franziskaner Roger Bacon (1214-1292)
als Erfinder eines solchen talking head vorgestellt. Der »Vater der
mittelalterlichen Naturwissenschaft« hatte mit seinen weit vorauseilenden
Erfindungen und Experimenten seine Zeitgenossen arg erschüttert und
verschreckt. Literatur, Theater, Musik und Film griffen dieses Thema immer
wieder auf. Im Film »Der Mann mit dem Kautschuk-Kopf« (1902) von Georges
Melies bläst ein Erfinder-Alchemist in seinem Labor einen künstlichen Kopf,
der ironischerweise die Gesichtszüge von Melies trägt, mit einem Blasebalg
zur phantastischen Grösse auf - bis er zerplatzt.
Den metallenen Sprechenden Kopf des Albertus Magnus schlug Thomas von Aquin
in Stücke. Nicht weil es ein dämonisches Machwerk und Zuhause war, sondern
weil die darin hausende Macht unaufhörlich plapperte und solche Beredsamkeit
den Heiligen bei der Bearbeitung seiner mathematischen Aufgaben erheblich
hinderte. |