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Die Grosse Mutter als
Weberin des Schicksals und unseres Lebensfadens nimmt gern die Gestalt einer
Spinne an, heisst es bei vielen Naturvölkern. Bei den Indianern in Nord- und
Südamerika unterrichtete sie den Menschen in der Webkunst. Auch auf
australischem und afrikanischem Boden zählt die Spinne zu den
Schöpfungswesen und Kulturbringern. Die Ethnologin und Schamanin Johanna
Wagner beschrieb einen Orakelvorgang bei den afrikanischen Bassa. Hier
heisst die giftige Erdspinne Ngambi, weshalb man vom Ngambi-Orakel spricht.
Es lässt sich mit jeder heimischen Erdspinne ebenso durchführen.
Bevor die Spinne bei Einbruch der Dunkelheit ihr Erdloch verlässt, um auf
Jagd zu gehen, präpariere man sich mit Orakelhölzern, halte sie in der
linken Hand und kauere sich auf den Boden. Nach diesen Vorbereitungen
beginnt die Beschwörung. Zunächst wirft der Fragende je nach örtlichem
Brauch neun Kolastückchen, Hirsekörner oder Stücke einer gelben Blume (in
unseren Breiten kann es etwas anderes sein, was Spinnen interessiert, lockt
oder ehrt) in das Loch der Höhle des Tieres und ruft: »Ich bin arm und
unglücklich, ich bin jung und du bist alt. Wenn junge Leute etwas nicht
können, fragen sie die Alten. Daher komme ich, um dich zu fragen (hier die
eigene Fragestellung einflechten). Komm heraus, komm heraus, damit ich dich
fragen kann!«
Die moderne Psychologie und Therapie würde jetzt schon den Atem anhalten,
weil damit genau die Suggestionen an das Unterbewusstsein abgegeben werden,
deren Folgen man zumeist gerade vermeiden möchte. Wer also nicht unbedingt
»arm und unglücklich« bleiben will, formuliere besser positiv: »Ich will
alles tun, um über meinen aktuellen materiellen und psychischen Zustand
hinauszuwachsen.« Je mehr man nun Geduld aufbringt, umso grösser ist die
Gewissheit, dass Ngambi irgendwann erscheint ... Dann aber müssen die Hölzer
so geschickt vor das Loch geworfen werden, dass die Spinne nicht oder nur
schwer daran vorbeikommt. Irritiert läuft sie hin und her und hinterlässt
feine Erdspuren, auch auf den Hölzern. Ist für das Tier ein Hindernis zu
gross, versucht es, sie wegzuschieben. All dies kann Botschaften liefern,
die natürlich einer guten Intuition bedürfen.
Benötigt werden 16 Holzfiguren, flach, etwa zwölf Zentimeter lang,
zweieinhalb Zentimeter breit, eine Seite endet spitz oder oval. Jeweils eine
Seite sollte rot gefärbt, die andere schwarz sein. Man kann alle Stäbe
werfen oder nur die, die zu der Frage passen. Da die Spinne kaum wirklich
jemals einen Stab umzudrehen vermag, lassen Erdkrumen auf Hölzern darauf
schliessen, dass sie es bei diesen gern getan hätte. Zur Interpretation
sollte dann ihre Unterseite genutzt werden. Weisen mehrere Hölzer Erdkrumen
auf, deuten die Krumen, die der Erdhöhle am nächsten liegen, auf den Beginn
ihrer Bemühungen. Diese Hölzer bieten die »nächstliegenden« Antworten.
Finden sich keinerlei Spuren der Spinne auf den Hölzern, war man zu
ungeschickt oder traf auf eine zu intelligente Vertreterin der Grossen
Mutter - oder hat vielleicht eine unschickliche Frage gestellt.
In unseren Breiten fand der Volksmund viele Spinnenvorzeichen, darunter: Wo
immer ein Haus voller Spinngeweben hängt, gehe die Liebe ein und aus. |