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»Die heilige Stadt Köln
wird sodann eine fürchterliche Schlacht sehen. Viel fremdes Volk wird hier
gemordet, und Männer und Frauen kämpfen um ihren Glauben. Und es wird von
Köln, das bis dahin noch eine Jungfrau, eine Grausamblich Kriegswesen,
Belägerung und Verhehrung nicht abzuwenden sein. Und man wird allda bis ans
Kneuchelen im Blute waten. Zuletzte aber wird ein fremder König aufstehen
und den Sieg für die gute Sache streiten. Die Überbleibselen fliehen bis zum
Birkenbäumchen bei Werl. Dort wird die letzte grosse Schlacht gekämpft für
die gute Sache ...«
Der Siebenjährige Krieg, die Französische Revolution und die Volksbewegungen
von 1848 schüren in Deutschland das Fieber der Massen. Allenthalben liegen
Veränderungen in der Luft. Vor allem im Rheinland tauchen im einfachen Volk
verstärkt Propheten und Visionäre auf. Doch keiner reicht an die Bedeutung
des Sehers Spielbähn. Die Herausgeber seiner Weissagungen titulieren ihn vom
»welthistorischen Propheten« bis zum »versoffenen Schnurranten« und »Lügbähn«.
Von 1846 bis 1917 erscheinen zehn Auflagen seiner Prophezeiungen,
Übersetzungen in England, Russland und Frankreich. Das Interesse des
Auslands an diesen Zukunftsschauungen ist gross. Verheisst der Spielbähn
doch den baldigen Untergang Preussens, der Hohenzollern samt der Vernichtung
aller Protestanten, wo Preussen sich gerade zur Weltmacht aufgeschwungen
hat, der preussische König als Deutscher Kaiser herrscht. Aber der
rheinische Seher sagt ebenso den Kampf gegen Türken und »Kleintürrken« um
Köln vorher und schliesslich die Endschlacht »zwischen Ost und West am
Birkenbäumchen« im westfälischen Wallfahrtsort Werl, was bis heute geradezu
sprichwörtlich blieb.
Als Autor gilt der »newe Prophet« Bernhard Rembold aus Sieglar-Eschmar bei
Köln. Die Protokolle zweier Verhandlungen gegen ihn aus dem Jahre 1772
zeichnen das Bild eines harmlosen Zeitgenossen: Bernhard, zu diesem
Zeitpunkt etwa 60 Jahre alt, verheiratet und »christkatholischer Religion«,
könne weder lesen noch schreiben und besitze auch keine »verdächtigen
Schriften«, aus denen er verlese. Der arme Leineweber und fahrende Spielmann
habe seine »Gesichte durch die Offenbarung Gottes«. Er gerate in Verzückung,
und dann spreche Gott selbst zu ihm. Seine Vorhersagen werden peinlich genau
aufgeführt: lokale Ereignisse, einige Todesfälle, Brände,
Wetterkatastrophen, Fundorte von Schätzen und Reliquien. Das Gericht
entlässt ihn mit einer strengen Ermahnung, da es ihm »wegen übeler
aufführung« nichts zu Last zu legen vermag.
Dieser Mann kann kaum Urheber dessen sein, was sich mit dem Vokabular
altertümlicher Weissagung tarnt, aber offensichtlich als zeitgenössisch
kirchenpolitische Kampfschrift gegen das protestantisch-reformierte Preussen
richtet. Der wahre Autor hat bis heute seine Anonymität wahren können.
Spielbähn aber machte diese ihm untergeschobene Fälschung bekannt und
verlieh ihm zeitgeschichtliche Bedeutung. Sie stempelte ihn zum »Träger der
grossenteils durch literarische Einwirkung ins Volk abgesunkenen
prophetischen Überlieferung«.
1783 soll er in Köln verstorben sein, wobei er einiges Interessante zur
eigenen Person - auch für die Zeit nach seinem Tod - vorhersagte, was sich
als Wahrheit erwies. Als sich aber die angeblich ebenfalls von ihm
stammenden politischen Voraussagen nicht erfüllten, geriet Spielbähn gegen
Ende des 19. Jahrhunderts in Vergessenheit. Vielleicht ein wenig zu früh.
1918 müssen die Hohenzollern tatsächlich abdanken, am Ende eines
»fürchterlichen« Weltkriegs. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts
fallen die Türken doch noch scharenweise in Köln ein, wenn auch als
friedliche Arbeitnehmer. |