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Siebdrehen

Mit dem Sieb trennen und scheiden wir, reinigen und sondern aus. Um reines Mehl zum Brotbacken zu gewinnen, musste man mit einem Sieb Kleie und die kleinen Splitter von der steinernen Handmühle absondern - ein Vorgang, der sich leicht in den Bereich von Moral und Ethik übertragen liess. Als Koskinomantie schon in der Antike bekannt, weissagte man durch Siebdrehen im Mittelalter bis in die Neuzeit hinein, um »den Schuldigen« zu finden. In vielen Mythen spielt das Sieb als Gottesurteil eine grosse Rolle. Frauen mussten oft ihre Unschuld beweisen, in dem sie mit einem Sieb Wasser schöpften. Ging dabei kein Tropfen verloren, hatte ein Gott eingegriffen und für sie gesprochen.
Das eigentliche Siebdrehen als Orakel verlief auf folgende Weise: Ein Mehl- oder Haarsieb (am besten: ein Erbsieb) wird zwischen die Schneiden zweier grosser Scheren (am besten: Erbscheren) oder Erb-Zangen geklemmt. Zwei Personen halten die Scheren nur mit ihrem Mittelfinger an der Stelle, die das Sieb in der Waagerechten halten. Dann müssen sie sprechen: »Dies, mies, ieschet, benediefet, dovvima, enitemaus« und dann die Namen der Verdächtigen nennen, die aber alle dabei sein müssen. Fällt der Name des Schuldigen, zittert oder wackelt das Sieb und will sich drehen.
Man kann das Verfahren natürlich ebenso auf andere Probleme anwenden, z.B. um herauszufinden, wo etwas verloren gegangen oder versteckt ist.
Sollte es so nicht funktionieren, versuche man es mit »dies, nues, jeerschet, benedoefer, donina, enitemaus« oder: »St. Paulus ist in Rom gestorben, und das ist wahr. Hat N. gestohlen, so dreh dich rum und um!« oder: »So wahr St. Peter und Paul begraben liegen, so wahr hat N. gestohlen«: oder mit dem Beginn des Johannesevangeliums: »Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort ...« Aber das passt nicht so gut, wenn man genauer darüber nachdenkt. Man kann auch ohne Schnörkel schlicht, aber klar formulieren: »Siebchen, Siebchen, sag mir alles!«.
Das so genannte Protoevangelium des Jakobus erzählt, wie Maria nach der Verkündigung ihre Base Elisabeth, Mutter des Täufers Johannes, besucht, eine weise Frau. Als Maria an ihre Türe klopft, legt Elisabeth »ihre Arbeit« beiseite. In einer koptischen Handschrift legt Elisabeth »das Sieb« beiseite. Störte Maria sie gerade beim »Siebdrehen«?

 

 

 

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