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Nach römischer
Überlieferung kam eines Tages ein altes Weib - wie sich nachträglich
herausstellte, soll es die Sibylle von Cumae gewesen sein – zu König
Tarquinius Superbus, dem letzten der sieben ersten mythischen Könige der
Römer. Sie bot ihm neun prophetische Bücher zum Kauf an. Dem König war der
Preis zu hoch, und er lehnte ab. Daraufhin verbrannte die Sibylle drei der
Bücher und bot dem König die übrigen erneut zum gleichen Preis an. Als der
König wiederum ablehnte, warf sie noch einmal drei Bücher ins Feuer und
legte ihm die drei restlichen wieder zu dem ursprünglich geforderten Preis
vor. Da entschloss sich der König auf den Rat der Auguren, die drei letzten
Bücher zu erwerben. Die Erzählung könnte darauf hindeuten, dass zu jener
Zeit schon ein beträchtlicher Teil alter Mysterienweisheit verloren gegangen
war oder zumindest verloren zu sein schien. Diese drei Bücher lagen zur
Aufbewahrung in den tiefsten Gewölben des Jupitertempels auf dem Capitol.
Ein Brand des Tempels im Jahr 83 vor Christus vernichtete sie. Man liess
darauf eine neue Sammlung aufgrund von Versorakeln griechischer, römischer
und kleinasiatischer Sibyllenstätten anlegen. Diesbezüglich konzentrierten
sich die Nachforschungen vor allem auf das Orakel von Erythrai. Die
Schriften wurden in der Folgezeit mehrfach abgeschrieben.
Ein Ausschuss von anfangs zwei, später zehn und schliesslich 15 Männern
hatte die Aufgabe, die Bücher zu bewachen und als einzige einzusehen, wenn
der Senat oder die Hohepriester es aus besonderem Anlass anordneten. Der
Ausschuss bestand nicht aus berufsmässigen Priestern, sondern zumeist aus
Staatsmännern. In diesen Ausschuss gewählt zu werden bedeutete eine hohe
gesellschaftliche Auszeichnung. Der Historiker Tacitus hatte ebenso
dazugehört wie der junge Augustus. Als Kaiser liess Augustus die Bücher in
zwei vergoldeten Schreinen im Apollontempel auf dem Palatin unterbringen.
Gab es irgendein staatspolitisches Problem und hatten zunächst die anderen
divinatorischen Mittel versagt, bat man den Ausschuss, in den Sibyllinischen
Büchern nachzuschlagen, was sie dazu zu sagen hätten. Wie das im Einzelnen
vor sich ging, hat leider niemand überliefert. Vielleicht liess man sich
inspirieren, irgendeinen der zahllosen Verse als Antwort zu nehmen, die man
dann noch hätte interpretieren müssen. Vielleicht lagen die Seiten auch lose
aufeinander und man zog »mit geführter Hand« eine heraus.
Andererseits sind nur problemorientierte und gezielte Ratschläge aus diesen
Büchern überliefert. Eben deswegen standen sie in so hohem Ansehen, und man
folgte ihnen so gut wie immer. Sie wurden noch in der späten Kaiserzeit zu
Rate gezogen. Der Reichsfeldmarschall Flavius Stilicho liess sie 408 nach
Christus im Auftrag des weströmischen Kaisers Honorius vernichten.
Die Frage nach dem historischen Ursprung der Sammlung ist oft diskutiert
worden. Ursprünglich wohl etruskischer Herkunft, diente sie vorher wohl mehr
dem Ritual der Vorzeichendeutung (Omen). Die vorliegende Entstehungssage
scheint erst gegen Ende des 3. Jahrhunderts vor Christus entstanden zu sein.
Von dieser Zeit an nahm die Schriftensammlung hellenistische Einflüsse und
Orakelcharakter an. Zumeist rieten die Sibyllinischen Bücher in Not- oder
schwierigen Kriegszeiten, das Verhältnis zu einigen Gottheiten einmal zu
überdenken, neue Feste oder bestimmte Kulte einzuführen, was verängstigten
Gemütern sicher Halt und Hoffnung gab. 56 vor Christus erklärten sie
unmissverständlich, der geplante Feldzug gegen Ägypten sei Torheit und
umgehend abzublasen. Kaiser Augustus, der natürlich zeitlebens eine
respektvolle Beziehung zu ihnen behielt, lieferten sie eine passende
Zeitrechnung auf die Geschichte Roms bezogen, um die
Säkular(Jahrhundert)spiele 17 vor Christus abzuhalten.
Nichts zu tun mit diesen römischen Sibyllinischen Büchern hat eine spätere
Sammlung, die unter demselben Namen in den ersten Jahrhunderten nach
Christus im Umlauf war und Ansehen genoss. Sie enthält jüdisch-christliches
und so genanntes heidnisches Gedankengut verschiedenster Kulturkreise und
bestand ursprünglich aus 14 Büchern. Die Bücher neun und zehn sind nicht
mehr erhalten.
1516 erschien in Oppenheim ein Büchlein, das in seiner zweiten Auflage 1531
den Titel »Zwölf Sibyllen Weissagungen« erhielt. Es führte sich auf ein
spätmittelalterliches Gedicht zurück und kursierte noch Ende des 19.
Jahrhunderts in hohen Auflagen. |