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Dieser Name, obwohl noch
nicht sicher gedeutet, steht seit der Antike für Frauen, die mit oder ohne
die für Orakel vorausgehende Anfrage weissagen. »Die Sibylle spricht mit
rasendem Mund, ohne Lachen, ohne Schminke und ohne Myrrhen und dringt
vermöge göttlicher Hilfe mit ihrer Stimme durch die Jahrtausende«, notiert
der griechische Philosoph Heraklit im 5. Jahrhundert vor Christus. Sein
Zitat gilt als ihre erste Erwähnung. Wie ihre männliche Ausprägung, der
Prophet, wird eine Sibylle ganz nach dem weiblichen Pol ihres Wesens
gedrängt, in das mythisch Weibliche, in den Teil der Seele, die mythische
Schriften auch den Urozean genannt haben. Dort herrscht Einheit, dort gibt
es weder Raum noch Zeit. An dieser Quelle, wo Einheit alle Differenzierung
auflöst, dem Nullpunkt von Raum und Zeit, liegen Vergangenheit und Zukunft
vereint beieinander. An dieser Quelle lebt auch Apollon und steigt, wenn
auch höchst selten, zu unserem Oberbewusstsein auf.
Usprünglich kannte man nur eine Sibylle, später waren es drei, der römischen
Universalgelehrte Varro, nennt im 2. Jahrhundert nach Christus zehn, das
Christentum zählte, analog den Propheten des alten Testaments, zwölf. Zu
ihnen gehörte die Sibylle von Marpessos bei Gergis am Hellespont, Herophile
genannt. Ihre grösste Rivalin, die Sibylle von Erythraea, könnte die älteste
von allen gewesen sein. Sie lebte vielleicht in den Höhlen am
Siphylos-Gebirge und verlieh so allen späteren die Titulatur. Sibyllen gab
es im phrygischen Ankyra, auf Sardes und Rhodos.
Auf dem griechischen Festland genoss die Sibylle von Delphi grösstes
Ansehen, hatte aber weitere Konkurrenz. In Italien wurde die Sibylle von
Cumitmae berühmt, identisch mit der Kimerischen Sibylle am Avernersee, neben
der von Norica auf dem Monte Sibilla in Umbrien und der in Marsalla auf
Sizilien. Antike Autoren kennen dazu noch eine tiburtinische, ägyptische,
libysche (nahe oder bei der Oase Siwa), persische, hebräische und
chaldäische Sibylle, die sich aber nicht unbedingt an einen Ort banden,
sondern wanderten. Vergils Hirtengedichte liessen eine von ihnen das »neue
Kind« schauen. »Der Zeiten Lauf ist um, Sibylle spricht's, und neuer Ordnung
fügt sich jetzt die Welt. Die Jungfrau naht ... Lucina (Leuchtende),
Keusche, schirme die Geburt des Kindes, das uns Weltenwende kündet.« Da
viele darin die Geburt des Jesus interpretieren wollten, durften die
heidnischen Sibyllen gelegentlich in die christliche Kirche. Michelangelo
malte fünf von ihnen mit sieben Propheten an die Decke der Sixtinischen
Kapelle im Vatikan. Im Ulmer Münster zieren zwölf das
Renaissance-Chorgestühl. Ab 1360 tauchte im Mittelalter eine »dreizehnte«
auf. Ein anonymer Autor lässt sie als Wiedergeburt der »Triburtina«
aufleben, deren Weissagungen als erstes Druckwerk Gutenbergs Werkstatt
verliessen.
In Deutschland will die Sage solche Orakelpriesterinnen und weissagende
»Heidenjungfrauen« in eine Höhle am Teck versetzen, in den Schlossturm von
Glatz (Schlesien), in das »Heidenloch« am Wolfsbrunnen nahe Heidelberg (die
Seherin Jette), an den Hoch- oder Sibyllenstein südlich von Elstra in der
sächsischen Lausitz und in die Sibyllengrotten rund um Fürnried nahe dem
oberpfälzischen Sulzbach. |