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»Ich bin alles, was war,
was ist und was sein wird. ... Kein Sterblicher hat je erfahren, was sich
unter meinem Schleier verbirgt.« So warnte die Sockelinschrift eines
bekannten ptolemäischen Standbildes der Isis von Sais im Nildelta. In
Schillers Ballade »Das verschleierte Bild zu Sais« versucht ein ebenso
naiver wie mutiger junger Sterblicher, diese Hüllen zu heben. Zu üppig
locken darunter Rundungen, die aller Verdeckung trotzen. Doch im gleichen
Augenblick, da die Göttin ihres Schutzes beraubt und ihre Wesenhaftigkeit
seinen gierigen Augen preisgegeben wäre, schwinden dem Täter die Sinne.
Ohnmächtig sinkt er zu Boden.
Die Göttin Isis, die Natur unseres Unterbewusstseins, verbirgt sich in
Wirklichkeit nicht vor uns. Der Schleier, der alle Weisheit und Wahrheit
verhüllt, ist nur aus Unwissenheit, Aberglaube und Vorurteilen gewoben, aus
dem Teufel der Illusion. Für den Blick hinter den Schleier, hinter die »Welt
des äusseren Scheins« auf die »nackte Wahrheit«, müssen wir aber einen hohen
Preis entrichten. Nicht nur äusseres Ego und Lebensgerüst würden in den
Grundfesten erschüttert und fielen wie Kartenhäuser in sich zusammen.
Diverse falsche Vorstellungen müssten losgelassen, von vielem müsste sich
für immer verabschiedet werden.
Das Korrigieren der eigenen Einschätzung und das differenziertere Bild von
sich und dem Selbst würden zwangsweise zu einer anderen Sicht aller Dinge
führen. Unsere bequeme Einordnung von Gut und Böse liesse sich nicht mehr
aufrechterhalten. Wir könnten die wahren Gesetze aller Entwicklung
entdecken, ihre Manifestationen und ihr Ziel verstehen. Immer klarer wüssten
wir die Spreu vom Weizen zu trennen und die Masse des Unwichtigen und
Belanglosen desinteressiert auszublenden. Eine solche zum Wesen des Seins
vordringende Blickweise könnte auf Dauer auch physische Änderungen nach sich
ziehen. Das rechte und mehr auf das Äussere gerichtete Auge (Symbol: Sonne)
sei nun als Organ nicht mehr so sehr beansprucht und lasse nach, heisst es.
Das linke mehr nach innen und auf die geistige Ebene gerichtete Auge
(Symbol: Mond) gewinne stattdessen durch immer grössere Aktivierung an
Strahlkraft. Die Bilder von Menschen, denen man das Erreichen eines höheren
oder sogar des Höchsten Bewusstseins nachsagt, deuten oft mit ihren
ungleichen Augen darauf hin. Gott Odin verpfändete freiwillig sein rechtes
Auge für einen Schluck aus Mimirs Brunnen, dem Wasser der Weisheit und des
Gedächtnisses. Gott Lug, der keltische Merkur, Seelengeleiter und Götterbote
zwischen uns und dem höheren Bewusstsein, hält sein blindes rechtes Auge
unter der meist herunter gezogenen Hutkrempe dezent verborgen. Wie schon
beim mythischen Polyphem deutet aber Einäugigkeit zugleich auf die
wiedergewonnene Einheit mit unserem göttlichen Anteil, und damit auf
zurückeroberte Vollständigkeit.
Doch das gilt nicht für alle, die eine Blindheit verbergen müssen und eine
obligatorische schwarze Augenklappe tragen. Bei Piraten und alten »Haudegen«
beispielsweise sollen andere Gründe dafür vorliegen. |