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Vor der Schlacht auf den
Katalaunischen Feldern liess der Hunnenkönig Attila »in gewohnter Sitte«
das Schulterblattorakel befragen. Seine Seher prophezeiten ihm Düsteres.
Warum bloss liess er sein Heer trotzdem in die Schlacht ziehen?
Im Spätmittelalter Spatulamantie genannt, gehört die Weissagung aus dem
Schulterblattknochen zu fast allen Kulturen, scheint aber von Ostasien oder
Arabien nach Europa vorgedrungen zu sein. In einer christlichen Handschrift
zu Beginn des 13. Jahrhunderts wird sie unter den Todsünden aufgeführt,
vielleicht weil das Schulterblatt eines Menschen am besten dafür geeignet
sein sollte. Ansonsten nahm man die von Rind, Pferd, Esel, Ziege oder
Widder, in Japan die vom Hirschen, in China meist die der Schildkröte, bei
den Arabern die vom Kamel. Dieser flächigste aller Knochen wurde gekocht,
vom Fleisch befreit, in christlichen Ländern mit Wein und vorsichtshalber
noch mit Weihwasser gewaschen und dann in ein weisses Tuch geschlagen. Unter
freiem Himmel sollte er vor allem an den hohen Feiertagen, an Neujahr oder
St. Georg, bei jeder Frage irgendwelche Veränderungen aufzeigen. Ansonsten
interpretierte man bei den eigens dazu geschlachteten Tieren nach Kochen des
Knochens die Formen, Farbflecken, Vertiefungen und Ränder. Für die Deutung
lagen wohl minutiös ausgearbeitete Regeln in Buchform vor, die sehr denen
der Chiromantie ähnelten und, in zwölf Regionen aufgeteilt, mit dem
astrologischen Regelwerk verbunden waren. In Asien röstete man den Knochen
über dem offenen Feuer und interpretierte die linienartigen Risse. Chinesen
ritzten mitunter vor dem Anbrennen die Frage ein.
Das Schulterblatt beantwortete wohl am ehesten Fragen nach Tod und Leben,
Krankheit und Gesundung, Armut und Reichtum, Ehre und Unehre, gern auch zu
Treue und Untreue. Nur das rechte Blatt galt als aussagekräftig, obwohl
beide Seiten untersucht wurden.
Die Muster und Zeichen auf der Innenseite enthüllten mehr die individuelle
Privatsphäre, öffentliche Belange wie Eintritt und Ausgang von
Naturkatastrophen und Kriegen oder Interna über die Thronnachfolge liessen
sich auf der Aussenseite ablesen.
In Mitteleuropa ist diese Form der Weissagung so gut wie aus der Mode
gekommen. Länger hielt sich das Gänsebeinorakel. Aber noch ein Hirte auf
Korsika soll Napoleon seinen Aufstieg und Fall spatulamantiert haben. |