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Aufgrund genauer
Beobachtung ihres Verhaltens stufte bereits der Frühmensch Schlangen als
besonders klug und weise ein und kürte sie zum Symbol göttlicher
Schöpferkraft im Menschen. Ähnlich dieser Kraft zeigt sie stark ambivalente
Züge, galt deswegen als ebenso gut wie böse, was im Hinblick ihres
mantischen Gebrauchs immer gegensätzliche Interpretationen zuliess. Es
bedurfte schon einer subtilen Erfassung aller Aspekte einer Situation, Glück
und Unheil zu deuten, kreuzte eine Schlange den Weg — unabhängig davon, ob
es sich um giftige oder ungiftige Exemplare handelte.
In unseren Breiten hielten die Menschen auf dem Land Hausschlangen (Unken),
die als Geist des Ortes oder der Ahnen betrachtet und durchaus verehrt
wurden. Zeigten sie sich, bedeutete es immer ein gutes Omen, selbst wenn sie
von links herankrochen. Man fütterte sie auch zu bestimmten Anlässen. Nahmen
sie dieses Futter an, schien es keinerlei Grund zur Beunruhigung zu geben.
Lehnten sie das Essen ab oder gaben sich in besonderer Weise auffällig,
drohte aber Unheil. Ebenso, wenn ein rabenschwarzes Exemplar erschien, eine
feurige oder eine wie auch immer geartete zum Fenster hereinfiel. Es konnte
alles Mögliche bedeuten, doch nie etwas Gutes: Feuer, Hungersnot, Krankheit,
Erdbeben, Hauseinsturz oder psychische Beben.
Kommt eine Kreuzotter ins Haus, wenn jemand krank ist, soll der Kranke zuvor
schwerwiegend gesündigt haben. Fällt eine Schlange auf das Bett einer
Jungfrau, heirate sie einen reichen Kerl. Es kann aber auch bedeuten, dass
die Frau sehr fruchtbar wird. Umwindet eine Schlange einen schlafenden
Knaben, wird der unsterblich berühmt, als Poet, Künstler oder Weiser, im
Fall eines ungnädigeren Schicksals als Prophet oder Politiker.
Wer eine Viper an einem Gabelstock in den Rauch hält, könne auch die Zukunft
voraussagen. Dasselbe gilt, wenn man das noch zuckende Herz einer Schlange
roh verspeist. Ist es ein Drachenherz, kann es auch gebraten verzehrt
werden. Als Siegfried den Drachen Fafnir getötet, sein Herz gebraten und
sich dabei den Finger verbrannt hatte, lutschte er daran, um ihn zu kühlen.
Im gleichen Augenblick verstand er die Sprache der Vögel.
Begegnet uns die Schlange während eines Spaziergangs, dürfen wir mit einer
Reise rechnen, zumindest mit einem geistigen Aufbruch. Treffen wir auf eine
weisse Natter, kann das Glück für Körper, Seele und Geist gleichermassen
winken. Hat sie - ob weiss oder nicht - noch ein goldenes Krönchen auf, ist
das Glück kaum noch zu übertreffen. Werden wir Männer allerdings, ob gewollt
oder nicht, Zuschauer der Paarung von Schlangen, droht die
»Frauenkrankheit«.
Im antiken Griechenland hiess es, man müsse nun sieben Jahre wie eine Frau
leben, was wohl dem armen Seher Teiresias tatsächlich widerfuhr. |