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Wie kaum ein anderer
schwarzer Vogel wurden Raben und Rabenkrähen Ausdruck der ursprünglichsten
Schöpfung, des Urgrunds unseres Unterbewusstseins. Die Alchemisten sprachen
vom Nigredo, der Schwärze des Grundmaterials aller Schöpfung, der prima
materia. Raben als Wahrsagevögel dienten bereits in frühester Zeit den
Auguren bei der Vogelschau, das Volk rettete solche Tradition.
Grosse Rabenschwärme, vor allem in ungerader Zahl, lautlos oder mit
markerschütterndem Krächzen, galten, wo sie auftauchten, als Boten grössten
Unheils: von Hungersnot, Aufruhr, Seuchen, Teuerungen und anderen
Grossplagen. Kämpften Raben dabei mit dem Habicht, anderen Grossvögeln oder
untereinander, schien der Krieg nicht weit, verbunden mit einer
unabwendbaren Niederlage. Auch einzeln brachten Raben und Krähen nur selten
etwas Gutes. Schrieen sie in den Hof, vor dem Haus, auf dem Dach, an
Sonnenwenden oder Tagundnachtgleichen, am Abend oder in der Nacht, früh
morgens oder mittags, wenn der Pfarrer nahte - drohte Unglück, zumindest
Zank und Streit, sogar Tod. Ebenso, wenn sie von links kamen oder von
rechts, von hinten oder vorn oder gar mitten über den Kopf flogen. Kenner
differenzierten nach Art und Weise, Anzahl, Örtlichkeit, nach Art des
Gezeters, ob etwa heiser oder röchelnd.
Doch Unheil bleibt Unheil, auch wenn es sich graduell unterscheidet. Kamen
sie von links, war das Drama wohl nicht mehr abzuwenden, tauchten sie
allerdings von rechts auf, gab es noch eine Chance, dem Unheil auszuweichen.
Man findet auch Aussagen, die solches genau umgekehrt verkünden. Weh denen
aber, denen sie mit gesträubten Federn ihren Schwanz zuwendeten, denen sie
ans Fenster klopften oder dreimal um den Schornstein kreisten und sich dann
entsorgten! Flogen sie hintereinander, deuteten sie auf einen Begräbniszug.
Schrieen zwei von Nordwest nahende Raben jemanden an, der gerade vom
Leichenzug heimkehrte, musste der noch vor Jahresende selbst in den Sarg.
Erschienen sie bei der Saat, gedieh das Getreide nicht, tauchten sie bei der
Hochzeit auf - es war nicht auszudenken, was alles passieren konnte. Raben
im Traum deuteten auf Sturm innen wie aussen, Trauer, Verlust, Unfrieden,
Rabenscharen auf Besuchsüberfall von Verwandten in grösserer Menge.
Erschienen sie am Rhein, kündeten Raben oder Krähen aber Glück, eine frohe
Botschaft, zumindest Neues und Neuigkeiten. Flog in Böhmen ein Rabe in den
Garten, war die Unschuld eines jungen Mädchens im Hause in Gefahr. Deswegen
sollen junge Frauen Krähen so häufig energisch verjagen.
Nach Artemidor lag an der gallischen Westküste ein Hafen mit Namen »Zwei
Raben«. Dort lebten zwei Raben mit weisslichen Flügeln. Lag eine Streitsache
an, begaben sich die Kontrahenten dorthin, legten ein Brett an eine erhöhte
Stelle und warfen Gerstenkuchen darauf. Die Vögel flogen dorthin, frassen
einige davon und verstreuten dabei die anderen. Derjenige, dessen Kuchen
mehr verstreut worden waren, hatte den Rechtsstreit gewonnen.
Wenige Monate vor der Ermordung des römischen Kaisers Domitian, der sich
keiner besonderen Beliebtheit erfreute, soll auf dem Kapitol in Rom eine
Krähe in Griechisch geweissagt haben. »Es wird schon besser werden.« Bald
erschien folgendes Epigramm:
»Auf dem Tarpejischen Felsen sass jüngst eine Krähe: Es ist gut konnte sie
leider nicht schreien, darum rief sie: Es wird!« |