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Anfänglich war die
Pythia, das Medium und Sprachrohr des in Delphi residierenden Gottes
Apollon, eine junge Frau, die als Braut des Gottes Jungfrau zu sein hatte.
Später in der Blütezeit des Orakels gab es drei Priesterinnen, die als
Pythia fungierten und einander beim Orakeln ablösten. Nachdem ein
Fragesteller eine von ihnen verführt hatte, mussten die Priesterinnen
wenigstens 50 Jahre alt sein.
Nur Männer durften das Orakel befragen. Um von der Pythia eine Antwort zu
bekommen, mussten sich die Bittsteller (theopropoi) mit Wasser aus der
Kastalischen Quelle reinigen, eine Gebühr (pelanos) entrichten und ein Tier
(zumeist eine Ziege) auf dem Altar des Apollon opfern. Vor der Opferung
wurde das Tier mit kaltem Wasser übergossen. Fing es zu zittern an, hiess
das, dass der Gott vom Götterberg Parnass herabgestiegen, im Tempel anwesend
und der Tag für eine Weissagung günstig war. Die Pythia - in ein Festgewand
gekleidet - und die Priester, die die Antwort zu formulieren hatten,
reinigten sich, nachdem das Opfer dargeboten war, ebenfalls mit Wasser von
der Kastalischen Quelle.
Die Pythia verbrannte am ewigen Feuer der Göttin Hestia, das im Tempel
unterhalten wurde, Lorbeer und Weizenmehl. Danach stieg sie in ein tiefer
gelegenes Gemach, das Adyton, den innersten und allerheiligsten Raum des
Tempels. Von einem anderen Raum aus, dem Oikos, musste der Klient seine
Frage mit lauter Stimme stellen. Die Pythia trank dann Wasser von einer
anderen Quelle, der Cassotischen Quelle, berührte den Omphalos, einen
schwarzen Stein, der den Nabel der Welt bezeichnete und als Grabmal des
Drachen Python galt, kaute Blätter von einem im Adyton wachsenden heiligen
Lorbeerbaum und setzte sich auf den goldenen Dreifuss.
Trunken von bewusstseinsverändernden Dämpfen, die aus einer Erdspalte unter
dem Dreifuss kamen (oder in einem Weihrauchgefäss oder in einer Erdgrube
erzeugt wurden), fiel sie in Trance, wurde »vom Gott ergriffen« und begann
»des Gottes voll« (für Aussenstehende) unverständliche Laute von sich zu
geben. Die Priester interpretierten das Gesagte und gaben es - manchmal in
Verse gefasst - als zumeist mehrdeutig interpretierbare Antwort an den
Fragesteller.
Der Historiker Herodot hat uns in seinen »Historien« die Geschichte des
steinreichen Lyders Kroisos (Krösus), des wohl bekanntesten Klienten der
Pythia, überliefert.
Kroisos, der König der Lyder, hatte Boten zu verschiedenen Orakelstätten
geschickt und liess überall gleichzeitig fragen, was er in einem bestimmten
Augenblick zu Hause gerade tue. Nur die Pythia gab die richtige Antwort: Der
König hatte eine Schildkröte und ein junges Schaf geschlachtet und in einem
ehernen Kessel, der mit einem ehernen Deckel versehen war, gekocht.
Überzeugt, dem Orakel von Delphi nun vertrauen zu können, fragte er, nachdem
er dem Orakel eine Fülle kostbarer Weihegeschenke hatte zugehen lassen, an,
ob er es wagen dürfe, gegen die Perser, deren zunehmender Einfluss ihm
Sorgen machte, zu Felde zu ziehen. Von der Pythia erhielt er den scheinbar
ermutigenden Spruch, er werde, wenn er gegen die Perser ziehe, ein grosses
Reich zerstören. Und als er wissen wollte, ob seine Herrschaft von langer
Dauer sein werde, verkündete sie, dass seine Herrschaft erst dann enden
werde, wenn ein Maultier König der Meder (einem Nachbarvolk der Perser)
werde.
Kroisos interpretierte die Sprüche so, dass er beruhigt gegen die Perser
ziehen könne und dass der Dauer seiner Herrschaft nichts im Wege stünde, da
ein Maultier unmöglich statt eines Mannes König werden könne.
Er verlor den Krieg gegen die Perser aber, sein Land und sein Sitz, die
reiche Stadt Sardeis, wurden erobert. Er hatte nun tatsächlich ein grosses
Reich zerstört: sein eigenes. Er selbst wurde gefangen genommen und von
Kyros, dem König der Perser, gefesselt dem Scheiterhaufen überantwortet. Vom
Scheiterhaufen herab unterhielt sich Kroisos (über einen Dolmetscher) mit
dem König über die Unbeständigkeit des menschlichen Glücks.
Der weise Solon, so erzählte er, habe in besseren Tagen ihm gegenüber den
göttlich inspirierten Ausspruch getan, kein Lebender sei glückselig. Als
Kyros das hörte, reute es ihn, auch an sein eigenes ungewisses zukünftiges
Schicksal denkend, den Kroisos dem Feuer überantwortet zu haben und gab den
Befehl, es auf das Schnellste zu löschen. Die Diener konnten aber des Feuers
nicht mehr Herr werden. Erst als Kroisos Apollon um Beistand rief, sammelten
sich – bei bisher heiterem Himmel – plötzlich Wolken. Ein Unwetter prasselte
nieder und löschte das Feuer, so dass Kroisos unversehrt vom Scheiterhaufen
herabsteigen konnte. Mit Genehmigung des Kyros schickte Kroisos einige
seiner Lyder nach Delphi, liess provokativ seine Fesseln in den Tempel des
Apollon legen und dem Gott die Frage stellen, ob er sich nicht schäme, ihn
durch seine Sprüche zum Zug gegen die Perser veranlasst zu haben.
Zu den Lydern sagte die Pythia Folgendes:
»Dem vorher bestimmten Geschick ist es unmöglich zu entgehen, selbst für
einen Gott. Kroisos hat die Sünde seines Ahnen aus dem fünften Glied
gebüsst, der, Lanzenträger der Herakleiden, Weiberlist nachgegeben, seinen
Herrn getötet und die jenem zukommende Ehre innegehabt hat, die ihm
keineswegs zustand. Es wünschte Apollon, dass das Unglück der Sardianer erst
auf die Nachkommen des Kroisos komme und nicht auf Kroisos selbst; aber er
war nicht im Stande, das Schicksal abzuwenden. Soviel die Moiren (die
Schicksalsgöttinnen) jedoch nachliessen, das hat er vollendet und ihm als
Gunst gewährt; drei Jahre nämlich konnte er den Fall von Sardeis
hinausschieben, und Kroisos soll wissen, dass er um diese drei Jahre später
gefangen genommen worden ist, als das Schicksal vorsah.
Zweitens hat ihm der Gott beigestanden, als er verbrannt werden sollte.
Hinsichtlich des Orakelspruchs, der ihm zuteil wurde, erhebt Kroisos zu
Unrecht Vorwürfe; denn Apollon hat ihm vorhergesagt, dass er ein grosses
Reich zerstören werde, wenn er gegen die Perser ziehe. Er hätte, wenn er
sich wohl hätte beraten wollen, daraufhin schicken und fragen müssen, ob er
sein eigenes oder des Kyros Reich meine. Dass er den Spruch nicht verstand
und nicht noch einmal anfragte, dafür soll er sich selbst als schuldig
erkennen.
Was ihm, als er sich das letzte Mal ein Orakel geben liess, Apollon von dem
Maultier sagte, hat er ebenfalls nicht verstanden. Mit diesem Maultier war
nämlich Kyros gemeint; denn er stammte von Eltern, die verschiedenen Völkern
angehörten, von einer besseren Mutter (bildhaft: Pferdestute) und einem
geringeren Vater (bildhaft: Eselshengst); sie war eine Mederin und die
Tochter des Mederkönigs Astyages, er Perser, von jenem beherrscht, und
heiratete seine Herrin, obgleich er in allen Stücken unter ihr stand.«
Als Kroisos die Antwort der Pythia hörte, erkannte er, schreibt Herodot,
»dass die Schuld die seine war und nicht die des Gottes«. Jetzt verstand
Kroisos nur zu gut, warum Apollon auch den Beinamen Ioxias (der Schräge, der
Vieldeutige) trug. |