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Am 15. November 1790
hatte Jean Paul (1763-1825) abends eine Vision von seinem Tod. Er sah sich,
wie er 30 Jahre später in seinem Sterbebett lag: »mit der hängenden
Totenhand, mit dem eingestürzten Krankengesicht, mit dem Marmorauge«. Vom
Totenlager aus gesehen erschienen ihm die vergangenen 30 Jahre wie Minuten.
»Der Mensch hat hier (auf Erden) dritthalb Minuten: in der ersten wird er
geboren, eine hat er zu lächeln, eine zu seufzen und eine halbe zu lieben;
denn mitten in dieser Minute stirbt er«, befand er. »Wo ist denn das hin,
das gefärbte Gewölk, das seit dreissig Jahren an diesem Ich vorüberzog und
das ich Kindheit, Jugend, Leben hiess?«, fragte er sich schaudernd. Den 15.
November werde er nie vergessen, notierte er in sein Tagebuch, es sei der
wichtigste Tag seines Lebens gewesen. Er will, beschliesst er, den Menschen,
seinen Mitbrüdern, deren Irrtümer, Schwächen und Torheiten er als
satirischer Schriftsteller bisher verspottet hatte, in Zukunft mehr Freude
machen.
Durch diese Todesvision fand er zu seiner Berufung als Dichter. Er schloss
die, wie er sein bisheriges Werk nannte, »satirische Essigfabrik« zu und
schrieb wenige Monate nach seinem Erlebnis seinen ersten Roman »Die
unsichtbare Loge« nieder. (Seine Vision lag, zumindest auf den Todestag
bezogen, nicht ganz daneben. 35 Jahre später starb er in Bayreuth am 14.
November.)
Seine späteren sehr zahlreichen und wilden Träume fügte er in seine Romane
ein und legte sie - erweitert und verändert - seinen Helden und Heldinnen in
den Mund. Jean Paul, ein genialer Improvisator am Klavier, lernte auch - den
Klängen ganz hingegeben -, Bilder in sich aufsteigen zu lassen, die er dann
in Worten niederschrieb.
Als Knabe lag Jean Paul »mit dem Kopfe unter dem Deckbett im Schweisse der
Gespensterfurcht«. Es war ihm, »als würde der Mensch selber eingesponnen von
Gespensterraupen«. Und als er einmal von einer Reise zurückkam, war es ihm,
als ob ein fremdes Mädchen aus seinem Fenster herausschaute. »Wahnmenschen«
nannte er solche Erscheinungen.
Schon vor seiner Todesvision hatte er vermutet, dass im Ich etwas Höheres
und Göttlicheres sein müsse als das Ich selbst. Fremd wie einer, der aus dem
Mond gefallen ist, als Titan der Töne und Träume und als Einsiedler im
Traumreich kommt er den Menschen vor. 1802 schrieb er in einem Brief an
Johann Georg Jacobi: »Mein Ernst ist das überirdisch bedeckte Reich ... das
Reich der Gottheit und Unsterblichkeit und der Kraft. Ohne das giebts in der
Lebens-Oede nur Seufzer und Tod. Mein ganzes Leben zog darauf zu, nie liess
ich es, und noch hält es mich.« Die psychologischen und physiologischen
Hintergründe seines Traumerlebens handelte er sogar in einem eigenen Werk
ab.
Bereits 150 Jahre vor der bemannten Raumfahrt und dem in die tiefsten Winkel
des Alls schauenden Hubble-Teleskop durchstreifte Jean Paul bereits in einer
Vision (»siehe, da wurden meine Augen aufgetan«) das Weltall. Eine
Geistgestalt als Führer begleitete ihn. Er erfuhr, dass das All keinen
Anfang und kein Ende hat, durchquerte Schwarze Löcher (»wo ein finsterer,
endlos, bleierner Sonnenkörper nur Flammen und Sonnen einzog, ohne von ihnen
hell zu werden«). Mit »geschärftem Auge« schaute er das Nächste und das
Fernste zugleich. »Ich sah all die ungeheuren Räume, durch die wir geflogen,
und die kleinen Sternenhimmel darin; in dem leichten Ätherraum schwammen die
Sonnen nur als aschgraue Blüten und die Erden als schwarze Samenkörner.«
Jean Pauls »träumendes Herz« nahm die Erkenntnis mit, dass die
Unsterblichkeit in den Räumen wohnt, der Tod nur auf den Welten. »Da vor der
lebendigen Unermesslichkeit, konnt' es keinen grossen Schmerz mehr geben,
nur eine Wonne ohne Mass und ein Freudengebet.«
Die Inspiration zu seinen Traumspielen fand er im Wein, von dem er am
Vormittag eine Flasche trank und in vielen Altvaterkrügen Bier, die er sich
am Nachmittag auf seinen Schreibtisch in der Rollwenzelei stellen liess.
In glückliche Vergessenheit habe ihn die Lektüre von Jean Paul getaucht,
bekennt Gottfried Keller: »Vor allem aber die Naturschilderung an der Hand
der entfesselten Natur, welche berauscht über die blühende Erde schweifte
und mit den Sternen spielte, wie ein Kind mit Blumen.« |