|
Man poliere die
Fingernägel oder Handflächen eines »reinen jungfräulichen oder
jungmännlichen Kindes« mit einer Mischung aus Öl und Russ, bis eine
spiegelnde schwarze Fläche entsteht. Diese richte man gegen die Sonne oder
eine Kerze und erhalte so einen Zauberspiegel. Mit einem solchen zwinge man
Engel oder Dämonen zur Erscheinung und könne sie auskunftspflichtig machen.
Die Elaiomantie, die Ölwahrsagung, kann auf ein beträchtliches Alter
zurückblicken. Meist goss man dabei ein paar Tropfen Öl auf Wasser in eine
Schale oder in ein Becken. Aus dem Verhalten des Öls, der Vereinigung der
Tropfen und der sich bildenden Figuren, zeichnete sich ein Bild, das nun der
Interpretation bedurfte. Zitierte man hierzu auf zeremonielle Weise Geister
herbei, sprach man von Lekanomantie (bedeutet, Weissagung aus einer Schale).
Die Ankömmlinge sollen sich auch durch akustische Signale bemerkbar gemacht
haben, durch Zischen, Brodeln oder kaum verständliches Flüstern. Handbücher
zur Deutung dieser Form der Ölweissagung sind aus der Zeit des babylonischen
Königs Hammurapi (1792-1750 vor Christus ) erhalten - schon damals
überarbeitete Fassungen älterer Täfelchen. Als »Erfinder« kursierte der
mythische Königvorgänger Enmeduranki.
In Babylon basierte diese Wahrsagung auf einer umfassenden Ritualistik, die
den Ernst der Befragung hervorhob. Die Schale stand auf einem eigens dafür
vorgesehenen Platz. Der Priester musste sich so positionieren, dass er die
Sonne genau vor sich hatte. Nun goss er Wasser in die Schale und dann Öl
oder umgekehrt. Beide Verfahren verlangten eine völlig unterschiedliche
Ausdeutung.
Bei einer harmlosen Variante des Orakels, auch für »unreine« Knaben und
Mädchen möglich, wird Öl auf eine glänzende Fläche, Schale oder auf Wasser
gegossen, um die Spiegelwirkung zu erhöhen. Der Befragende, oft ebenfalls
ein Medium, fixiert seinen Blick darauf und glaubt schliesslich, in der
reflektierenden Fläche Bilder und Gestalten zu sehen. Natürlich kann man
sich das Medium sparen und selbst auf die ölgetränkte Wasserfläche starren.
Noch heute versuchen Zeitgenossen auf diese Weise gern das Geschlecht eines
ungeborenen Kindes zu bestimmen. Verbinden sich die entstandenen Fettaugen,
soll's ein Junge werden, tun sie's nicht, erwartet man ein Mädchen. Im alten
Babylon hiess es, für einen Jungen müssen sich aus dem Öl zwei Ringe bilden,
der eine gross, der andere klein. Bilde sich aber nur ein Ring nach Osten,
der innehalte, bedeute dies für einen Feldzug, er werde unternommen. Wir
können natürlich auch einen Feldzug gegen unsere derzeitige Situation
führen, gegen unsere Leiden, sogar gegen unsere Laster. Das Zeichen
bedeutete aber wohl nicht, dass er auch glücklich ende. |