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Nachdem mehrere Versuche
der Mutter, ihren Sohn, den jungen Pfarrer Oberlin zu Waldbach im Steintal
(Elsass), zu verheiraten, gescheitert waren, führte ihm seine Schwester den
Haushalt. Als eine weit entfernte Verwandte, Fräulein Salome Witter, im
Steintal nach einer überstandenen Krankheit Erholung suchte, lernten sich
die jungen Leute zwar kennen, empfanden aber erst einmal eine heftige
Abneigung füreinander. Sie mochte keinen einfachen Prediger heiraten, er
verabscheute ihr vornehmes Wesen, das sich auch in ihrem »vornehmen
Kleiderstaat« niederschlage. Wenige Tage vor ihrer Abreise hörte er in sich
eine Stimme, die ihn bedrängte, die Jungfer Witter zur Frau zu nehmen. Was
Oberlin auch tat, Ausreiten, Berge besteigen, Beten und inbrünstiges Flehen
zu Gott, ihn von diesem törichten Gedanken zu befreien, nichts half. Die
Stimme in seinem Inneren verstummte nicht. Am 5. Juni1783 hielt er, nach
einem langen Zwiegespräch mit seiner inneren Stimme, im Pfarrgarten in einer
Laube aus Nussbaumgesträuch um Salomes Hand an. Salome erhob sich von ihrem
Stuhl am Frühstückstisch und gab ihm, zum Zeichen ihrer Einwilligung die
Hand. Am 6. Juli wurden die beiden vermählt. »Dieser Ehebund sei«, so
schreibt Oberlins Biograph Friedrich Bodemann, »für beide Teile, ja für
viele Tausende eine Quelle des Heils und der seligsten Freude geworden.«
Als Salome 16 Jahre später starb, führte Oberlin noch für neun weitere Jahre
eine Geisterehe mit ihr. Meistens gegen drei Uhr morgens erschien sie ihm,
sowohl im Traum als auch leiblich, tröstete und beriet ihn. Wenn Oberlin die
Hand ausstreckte, fühlte er sie zärtlich gedrückt. Sie ermahnte ihn auch,
wenn er allzu streng mit seinen Pfarrkindern umging. Alten Witwen solle er
die Instruktion geben, die sie vertragen können, und »nicht hartes
Schuhleder«, sagte sie ihm einmal. Sie gab ihm Kunde vom Leben der Toten in
ihren Bleibstätten im Jenseits, aber auch von zukünftigen Dingen. Einem
Freund berichtete Oberlin darüber. »Seit dem Tode meiner Frau sah ich sie
neun Jahre lang fast alle Tage, träumend und wachend, teils hier bei mir,
teils drüben in ihrem jenseitigen Aufenthaltsorte, wo ich merkwürdige Dinge,
auch politische Veränderungen, lang ehe sie sich ereigneten, von ihr erfuhr.
Sie erschien aber nicht nur mir, sondern auch meinen Hausgenossen und vielen
Personen im Steintal, sie warnte sie oft vor Unglück, sagte voraus, was
kommen werde, und gab Aufschluss über Dinge jenseits des Grabes.«
Oberlin hatte sich so an seine Frau gewöhnt, dass er sie, wenn er seine
Arbeit in der Kirche tat, mitnahm und sie dann an der Hand »mitten durch die
Lebenden« führte. Sie versicherte ihm, sie sei für die Augen anderer
unsichtbar.
Als sich 1784 beim Besuch einer Freundin der Familie, einer Frau Schwarzen,
bei Oberlin fleischliche Gelüste rührten, erschien ihm seine Frau gleich
dreimal. »Herrlich sind die Führungen des Herrn, wie der Pfarrer getröstet
und von einer zweiten Ehe abgehalten wurde«, kommentierte der Bearbeiter von
Oberlins Tagebuch sichtlich erleichtert das Einschreiten des Geistes.
Der mit zunehmenden Alter immer hellsichtiger werdende Oberlin hatte
schliesslich selbst Visionen. 1790 sah er in einem Traum einen Vampir am
Himmel und deutete dieses Vorzeichen zu Recht als Hinweis, dass Europa
blutige Zeiten bevorstünden. 1792 sah er die Hungersnot in der französischen
Armee voraus und schickte deshalb schon einmal vorab Pakete mit
Lebensmitteln. 1798 erschien ihm, dem protestantischen Pfarrer, die
Gottesmutter, plauderte mit ihm und teilte ihm schliesslich mit, dass sie
bei ihrem Tod 55,5 Jahre alt gewesen war.
Sein ganzes Leben über hatte Oberlin ein grosses Interesse für die letzten
Dinge und die jenseitige Welt. Im Lauf der Jahre erarbeitete er, auch unter
Mithilfe seiner verstorbenen Frau, eine farbig ausgemalte Landkarte, eine
Art Topographie, der Jenseitswelten. War zum Beispiel ein Gemeindemitglied
gerade gestorben, nahm Oberlin bei der Messfeier einen Stab und deutete auf
einen Punkt auf seiner Karte der »Bleibstätten der Toten« und sagte: »Seht,
hier bin ich ihm in voriger Nacht (im Traum) begegnet.« |