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Nornen

Die drei Nornen oder drei heiligen Frauen der germanischen Mythologie sind eng verwandt mit den römischen drei Parzen, den griechischen drei Moiren, den drei Grazien als vornehme Variante und den drei Graien, die mit grau und Grausen zu tun haben. Sie vertreten die zyklischen Aspekte der Grossen Mutter Natur. Altnordische Sagas vermelden, die Nornen seien älter als die Götter und entstammten der Familie der Riesen (ursprüngliche, undifferenzierte Naturkräfte). Urd, Werdandi und Skuld hiessen sie, die Gewordene, die Werdende und die Zukünftige. Sie wussten, was leben und sterben, was aussortiert und in den Stoff eingewoben werden soll, geboten über Sein und Nichtsein. Die erste spann den Lebensfaden, die zweite bemass ihn, die dritte - meist schwarz oder schwarz-weiss dargestellt - schnitt ihn ab und teilte ihn zu. Vielleicht hängt der Begriff Nornen mit dem altdeutschen snerhan = binden zusammen; denn sie banden und lösten. Selbst die christliche Maria sitzt gelegentlich vor der Spindel. Frau Holle, die alte Patronin der Spinnerinnen, wird manchmal mit Urd gleichgesetzt.
In Märchen kreuzen sie in einigen Verkleidungen den Weg, raten als Feen, weise Frauen, Patinnen oder Godeln. Alle diese »Heilräterinnen« lebten zumeist an Brunnen, Quellen oder am Lebensbaum und besuchten gern Geburts-, Reife- und Hochzeitsfeste. Als Schutzgebende bei der Geburt finden wir sie noch unter den christlichen »Nothelferinnen«. Aber selbst bei diesen soll es noch passieren, dass eine von ihnen uns schon bei der Geburt ein gnadenloses Schicksal in die Wiege legt. Dann nimmt das Verhängnis seinen Lauf, und wir müssen alle Orakel bemühen, um das Licht am Ende des Tunnels zu finden.
Nach altem Glauben beruhte die Gesamtheit des Verhängten, des Schicksals, auf dem Urgesetz. Und bereits früh erkannten die Menschen einen Zusammenhang zwischen Schicksal und Lebensführung. Als die Psychologie begann, unser Bewusstsein zu erforschen, erkannte sie, wie sehr wir alle in jedem Augenblick an unserem Glück oder Verhängnis stricken. Nicht für alles, aber für den grössten Teil sind wir selbst verantwortlich. Vieles unterliegt tatsächlich dem Urgesetz, zum Beispiel den Rhythmen und Zyklen allen Lebens, dem ewigen Kreislauf von Wachsen, Blühen und Verwelken. Über all das wissen die Nornen bestens Bescheid. Im heutigen, von der Psychologie geprägten Sprachgebrauch dürfen wir sagen: Der Brunnen der Schicksalsschwestern liegt in unserem Unbewussten. Alle unsere Fragen und jede Orakelsuche werden direkt dorthin geleitet. Doch nicht immer haben wir den Kanal für ihre Rohrpost sauber- und freigehalten. Und die meisten der Orakel können die Antwort aus unserem Innern nur höchst oberflächlich wiedergeben. Vielleicht ist das auch gut so. Wenn wir die Folgen all unserer unbedachten Gedanken, Worte und Taten genau wüssten, wer könnte dann noch ruhig schlafen?

 

 

 

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