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Als das griechische Heer
nach der Eroberung von Troja die Schiffe bestieg, um heimwärts zu segeln,
traten auch seine Seher Kalchas und Amphilochos die Heimreise an, zu Fuss
über Land. Kalchas, der die Dauer des Trojanischen Krieges samt einiger
Einzelheiten und das glückliche Ende prophezeit hatte, traf in Kolochos auf
Mopsos, den Enkel des grossen Sehers Teiresias. Ein wilder Feigenbaum, reich
behangen mit Früchten, wuchs zu Kolophon, und Kalchas forderte den
Konkurrenten heraus: »Kannst du mir vielleicht genau sagen, wie viel Feigen
von diesem Baum geerntet werden sollen?« Mopsos schloss seine Augen wie
jemand, der dazu eine innere Schau zu Rate ziehe, und antwortete: »Sicher:
erst 10000 Feigen, dann ein aiginetischer Scheffel Feigen, sorgsam gewogen -
ja und noch eine einzige Feige, die übrig bleibt.« Kalchas lachte
verächtlich über die einzelne Feige, aber als der Baum leer gepflückt wurde,
erwies sich die Voraussage des Mopsos als unfehlbar. »Um von Tausenden zu
einer kleineren Menge herunterzusteigen, lieber Kollege«, sagte nun Mopsos
mit süffisantem Lächeln, »wie viele Ferkel würdest du sagen, liegen in dem
Bauch jener trächtigen Sau, und wie viele jeden Geschlechtes wird sie
werfen, und wann?«
»Acht Ferkel, alle männlich, und sie wird sie innerhalb von neun Tagen
werfen«, antwortete Kalchas aufs Geratewohl und hoffte, er würde bereits
fort sein, bevor sich seine Schätzung als falsch erwies. »Ich bin anderer
Meinung«, griff Mopsos an und schloss wieder seine Augen. »Nach meiner
Schätzung sind es drei Ferkel und nur eins von ihnen ist ein Eber, und die
Zeit ihrer Geburt wird morgen Mittag sein, nicht eine Minute früher oder
später.« Wieder hatte Mopsos recht, und Kalchas starb an gebrochenem Herzen.
War ihm doch einst prophezeit worden, dass er sterben müsste, würde er einen
Seher treffen, der ihm an Weisheit überlegen sei.
Zwischen Mopsos und Amphilochos erhob sich bald ebenfalls ein heftiger
Wortstreit. Sie hatten zusammen Mallos in Kilikien gegründet, entzweiten
sich aber in Fragen der Herrschaft. Die verlegenen Malleer schlugen vor, die
Angelegenheit in einem Zweikampf zu entscheiden. In diesem Zweikampf töteten
Mopsos und Amphilochos sich gegenseitig. Darauf errichtete man den
Begräbnisscheiterhaufen in der Weise, dass beide während ihrer Verbrennung
keine unanständigen Beschimpfungen austauschen konnten. Stattdessen aber
verbanden sich ihre beiden Geister in so enger Freundschaft, dass sie ein
gemeinsames Orakel in Mallos errichteten, das noch einen höheren Ruhm für
seine Wahrheit erntete als das Orakel von Delphi. |