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Einst tobte ein heftiger
Krieg zwischen dem offensichtlich älteren germanischen Göttergeschlecht der
Wanen und den Asen, den »Zugereisten«. Über Anlass und Verlauf halten sich
die Überlieferungen eher bedeckt, werden erst mitteilsamer, was das Ende
dieser Auseinandersetzung betrifft. Bei Friedensschluss hätten beide Seiten
zur Sicherheit wertvolle Geiseln gestellt. Die Asen boten die zwei
»Unzertrennlichen« an: den schönen, »schwanengleichen« Hönir, der Macht und
Weisheit vorspiegelte, und den Riesen Mimir, Genius aller Quellen und
Teiche. Mit dieser Auswahl vorerst höchst zufrieden, kürten die Wanen Hönir
sogar zu ihrem König.
Schon bald erwies sich diese Wahl als Flopp. Hönirs weise Entscheidungen
beruhten nämlich ausnahmslos auf Einflüsterungen von Mimir. Um sich für
diesen Betrug an den Asen zu rächen, schlugen die Wanen dem Riesen Mimir das
Haupt ab. Den Kopf liessen sie Odin zukommen, dem Oberasen und Neffen des
Mimir. Odin präparierte diesen Kopf beglückt mit haltbar machenden Kräutern
und Runenzauber. Vermochte er ihn doch nun über Vergangenes und Zukünftiges
zu befragen. Auf Anhieb funktionierte das wohl nicht. Der Neffe musste erst
in voller Rüstung vor einer Waldquelle aufmarschieren und seinem Onkel mit
dem Schwerte drohen. Als aber die Kommunikationsschiene endlich stand, eilte
Odin täglich zum Born des uralten Weisen, wobei er besonderen Wert auf die
Fähigkeit legte, ein begnadeter Dichter zu werden.
Nach Mimir ist einer der Brunnen am Fusse des Weltenbaums genannt. Aus
diesem Brunnen stammt der göttliche Met. Und Odin verpfändete sein rechtes
Auge, um Weisheit und Erinnerung aus diesen Tiefen zu schöpfen. Das
lateinische memor, memoria (Denker; Erinnerung) scheint verwandtschaftliche
Beziehungen zu Mimir abzuleiten. Mimigerdaford (Münster), Mimidum (Minden)
oder Mimileba oder Mimmibruuno (Memleben an der Unstrut) führen sich wohl
ebenfalls auf heilige Quellen des Wassergeistes Mimir zurück.
In diversen Handschriften der Nibelungensaga lehrt der Riese (oder der
Zwerg) Mime die Schmiedekunst. Er wird zum Lehrer des bekanntesten aller
mythischen Schmiedemeister, Wieland, und des Nibelungenhelden Siegfried.
Wieland schmiedet dann auch das berühmteste der nordischen Sagenschwerter:
Miming, das Schwert der sorgfältigen Unterscheidung und des Willens.
Die mythischen Riesen und Zwerge dürfen wir in heutigem Sprachgebrauch
getrost als Symbole von Kräften unseres Unbewussten bestimmen. Die beiden
»Unzertrennlichen« könnten dann auch Aspekte von Ober- und Unterbewusstsein
vertreten. Mimir, als Wasser- und Quellgeist, gehört zum Unterbewusstsein
und eröffnet den Zugang über das individuelle zum kollektiven Gedächtnis und
schliesslich zur universellen Datenbank. Dort brodelt der eigentliche Kessel
allen Dichtermets.
Die Figur des eher einfältig ratlos wirkenden und sich aufplusternden
schönen Hönir beschreibt respektlos, aber korrekt die Grenzen unseres Wach-
oder Oberbewusstseins. Es findet allein oft nur vordergründige Antworten und
muss tiefsinnige Fragen an das Unterbewusstsein weiterleiten. Das nimmt
umgehend aus vorhandenen Daten einen Abgleich vor und bietet seine
Ableitungen und Assoziationen wiederum dem Oberbewusstsein an. Wie dabei die
Schätze des kollektiven und universellen Bewusstseins angezapft werden,
gehört zu den kniffligen Verfahren wahrer Orakel.
Die Seherin Völuspa in der Edda kleidete solche Vorgänge in prägnante Verse:
Ich weiss Odins
Auge verborgen
in Mimirs Quell,
dem märchenreichen;
Met trinkt Mimir
allmorgentlich
aus Walvaters Pfand –
wisst ihr noch mehr?
Viele Menschen glauben, dass sie ihre tatsächliche oder vermeintliche
Kreativität und Intelligenz aus ihrem Verstand beziehen, einem Instrument
des Oberbewusstseins. Mögen sie nie in die Lage geraten, irgendwann einmal
den Wanen als Geiseln dienen zu müssen. |