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Mandlkalender

Der bis heute in Graz in einer Auflage von über 400000 Stück erscheinende steirische Mandlkalender hat seinen Namen nach den Heiligen bekommen, die neben Monatsbildern, Fest- und Gedenktagen, Tageslängen, Mondphasen, Himmelszeichen, Sonnen- und Mondfinsternissen und Wetterzeichen abgedruckt sind. »Prophet und Religion, Sitte und Talisman, Tagebuch und Hauschronik und Kalender dazu, das alles ist dem steirischen Landmann dieses kleine, bunte Büchlein«, schreibt der österreichische Schriftsteller Peter Rosegger. »In jedem Bauernhof und in jeder Hütte der Steiermark ist es zu finden und der Holzhauer trägt ihn in seinem Tagwerkbündel und der Bettelmann in seinem Buckelsack, und die Stallmagd trägt ihn an ihrem Busen wie ein Amulett und tut zuweilen einen andächtigen Blick in die bunte Zeichenschrift.«
Vorläufer des Mandlkalenders waren Stabkalender, die bis ins 17. Jahrhundert auf Bauernhöfen benutzt worden waren. Auf 50 Zentimeter langen Stäben hatte man die 365 Tage eines Jahres eingeschnitten. Bei den Feiertagen wurden sie jeweils durch Bildzeichen und Sinnbilder unterbrochen. Auf späteren »Holzplattenkalendern« waren, neben Heiligendarstellungen und Feiertagssymbolen, auch Angaben vorhanden, an welchen Tagen der Garten umgegraben werden soll, wann das Heu gemäht werden kann, wann am besten der Getreideschnitt erfolgt, wann die Weinlese günstig ist und wann geschlachtet werden sollte.
Der steirische Mandlkalender benutzt, um auch für Analphabeten lesbar zu sein, eine Bilderschrift, die sinnbildhaft vereinfachte allgemein verständliche und bei der Landbevölkerung bekannte Zeichen verwendet. Ein Mann mit zwei Glocken am Stab weist beispielsweise auf den Einsiedler Antonius hin, eine Garnspule, an der zwei Ratten hinaufklettern, auf die heilige Gertrud, ein Menschenkopf auf einem Teller auf Johannes den Täufer, ein Löwe auf den heiligen Hieronymus, ein Wolf, der einen Holzklotz trägt, auf den heiligen Gallus und drei Äpfel über einem Buch auf den heiligen Nikolaus.
Das Titelblatt des Mandlkalenders zeigt Sonne, Mond und Sterne. Darunter stehen drei Landleute in alter Tracht, die vom Volk für Sterngucker gehalten werden. »Die Sterngucker«, erklärt Rosegger, »das sind die Kalendermacher, sind übernatürliche Wesen, denn ein Mensch kann sich nicht gleich hinsetzen und einen Kalender machen, er weiss ja nicht die Witterung und ob in demselben Jahr nicht etwa der Jüngste Tag ist!«
Der Mandlkalender um die Mitte des 18. Jahrhunderts gab noch zusätzliche Vorhersagen, wann man günstigerweise bestimmte Arbeitsvorgänge vornehmen sollte:
Tätigkeit                Symbol
Holz machen        Holzhacke
Düngen                  Mistgabel
Fischen                  Fisch
Jagen                      Hifthorn und laufendes Tier
Säen                        Kleeblättriger Dreispross
Kohl pflanzen       Kohlkopf
Noch ältere Mandlkalender hatten auch Zeichen für Tätigkeiten wie Haare schneiden (Schere), Nägel schneiden (Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger), Schröpfen (Doppelkreuz, Schröpfkopf), ungünstige Tage (ineinander verschränkte Klammern).
Der heutige Mandlkalender mit der Titelaufschrift »Alter Bauernkalender« sagt immerhin noch das Wetter voraus:
Mit einer schwarz umrandeten weissen Scheibe mit einem Punkt darin sind Tage gekennzeichnet, die sonnig sein werden. Warmes, schönes, angenehmes Wetter wird durch eine leicht schräge 8 angegeben. Ein Gewitter wird mit einem Pfeil, dessen Spitze nach unten zeigt, vorausgesagt. Ein Handschuh mit Stulpe und fünf Fingern versinnbildlicht kaltes, kühles Wetter. Eine Zimmermannssäge mit sechs Zähnen (Kamm) zeigt heftigen Regen und einen dunklen Himmel an. Veränderliches, regnerisches und nebliges Wetter wird durch eine Bogensäge mit fünf Zähnen (Kamm mit Rundbögen) deutlich gemacht. Auf Wind weist ein blasendes Gesicht hin. Ein dunkel schraffiertes Quadrat deutet auf Schneefall hin. Für Wetter, das in der vorher angezeigten Weise bleibt, findet ein sechszackiger Stern Verwendung.
Anderthalb Jahre vor dem Erscheinen des neuen »alten« Kalenders muss ein kundiger Mitarbeiter des Verlags die Entwicklung des Wetters voraussagen. Wie er das macht, bleibt (s)ein Geheimnis.

 

 

 

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