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Jedes Geschöpf sei ein
glänzender, leuchtender Spiegel der Gottheit, verkündete Hildegard von
Bingen. Wer genau hinschaut, findet auch Details von der so genannten
Rückseite Gottes. Ein Zauberspiegel aber hält nichts verborgen, wie es der
von Schneewittchens Stiefmutter beweist. Dazu reichte in frühester Zeit das
klare Wasser einer Quelle, eines Sees oder Wasserlaufes. Das wohl älteste
Zeugnis in Verbindung von Wasser mit einem Handspiegel liefert der
griechische Reiseschriftsteller Pausanias (2. Jahrhundert) vom
Orakelheiligtum in Patras. Nicht nur im Märchen finden sich Magische Spiegel
oft auf hohen Türmen von Burgen, Schlössern und Klöstern, hinter denen sich
vielleicht die Kunde früher Sternwarten verbirgt.
Kannte man in der Antike nur Metallspiegel, die oft mit Eingravuren verziert
waren, verbreiteten im späten Mittelalter vor allem die Venezianer die
kostbaren Glasspiegel in Europa. Bei der Katoptromantie, dem Spiegelorakel,
pries ein Magier und stolzer Besitzer seine teure Investition an. Ein
solcher Zauberspiegel lasse den Betrachter nach Belieben sehen, was sich
irgendwo auf der Erde zutrage. Dafür bedurfte es aber eines Mediums. Wie in
der Antike sassen »reine, unschuldige« Kinder oder Jungfrauen mit
verbundenen Augen davor und fischten aus ihrem Unterbewusstsein. Magische
Spiegel verblüffen mit verzerrten Bildern und anderen Phänomenen noch heute
auf Jahrmärkten.
Man könne aber auch seinen eigenen Spiegel dazu erheben. Manche legen ihn
dabei so auf den Tisch, dass sich höchstens die Decke darin spiegelt, aber
weder Gegenstände noch das Gesicht des Betrachters. Dann gehe man vor wie
beim Wasserorakel. Andere wollen wieder gerade auch ihr Antlitz in die
Antwortsuche einbeziehen. Ein älteres Vorgehen empfiehlt in der Zeit um
Mitternacht von Silvester oder Heiligabend, wenn niemand sonst im Haus oder
der Wohnung anwesend ist, mit einer brennenden Kerze in der Hand (noch
besser: jeweils eine in der linken wie in der rechten Hand) im ansonsten
stockfinsteren Zimmer vor einen körpergrossen Spiegel zu treten. Völlige
Nacktheit soll den Prozess fördern. Will man nun irgendetwas Bestimmtes
sehen, rufe man dreimal die Dinge mit ihrer genauen Bezeichnung, Menschen
mit Vor- und Zunamen. Das Gewünschte tauche dann hinter dem eigenen
Spiegelbild auf. Sind die Dinge, die man sehen will, nicht für einen
bestimmt oder verletzen sie die Persönlichkeitssphäre von anderen, stehe
plötzlich der Teufel im Spiegel und lege einem schon siegesgewiss die Hand
auf die Schulter.
In der Spätantike erhielten die Göttinnen des Mondes und der Weisheit oft
einen Spiegel als Attribut. Er erinnerte auch an die ewige Aufgabe des
»Erkenne dich selbst!«. Vom schönen Jüngling Narkissos erzählte Ovid in
seinen »Metamorphosen«, wie er sich ermüdet über die Quelle von Donakon
wirft. Da erblickt er einen wunderschönen Knaben, den er, von heftiger Liebe
ergriffen, umarmen und küssen will. Als dies nicht gelingt, »erkennt er sich
selbst« darin und sieht zum ersten Mal ekstatisch sein »wahres Abbild«. Vor
unerfüllter Liebe verschmachtend, stösst er sich schliesslich einen Dolch in
die Brust. Aus seinem Blut erwuchs die Narzisse, aber auch der Narzissmus.
Im Quellheiligtum von Despoina von Arkadien spiegelten sich alle Ereignisse
der Welt, aber nie das Ebenbild des sich darüber beugenden Betrachters,
berichtete Pausanias. |