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Losorakel

Eine Entscheidung über alternative Handlungsweisen suchte man bereits in ältester Zeit durch das Loswerfen in den grösseren Schicksalsablauf zu integrieren. Man ahnte eine ausgleichende Gerechtigkeit, eine Art Waagschale hinter allem Geschehen. So findet es auch heute jeder gerecht, wenn etwa bei der Reihenfolge oder Verteilung das Los entscheidet. Im Altertum bestanden die Lose gewöhnlich aus kleinen Holzstücken oder Knochen von Tieren und Menschen, Steinen, Samen, Halmen, Muscheln, Schneckengehäusen, Stricken oder Würfeln. Letztlich oblag es dem Fragenden, was er für zweckmässig hielt. Lose lieferten die Botschaft durch das Muster, wie sie sich auf dem Boden verteilten, zumeist in der »Ja«- oder »Nein«-Form interpretiert. Oft reichten zwei Lose, das eine schwarz, das andere weiss. Oder man ordnete ihnen bestimmte Werte und Aussagen zu, schüttelte sie in einem Behälter und zog das Glücks- oder Unglückslos. Diese wohl häufigste Art der Orakelfindung hat bis heute ihre Attraktivität nicht verloren. Die Gewinner von Preisausschreiben werden ebenso auf diese Art gefunden wie die gegnerischen Mannschaften bei sportlichen Turnieren.
Das Alte Testament berichtet von drei Fällen, in denen das Los existenziellere Angelegenheiten entscheiden musste. Wer hatte Gottes Zorn und damit die Schwierigkeiten für das Volk auf sich geladen? Eigentlich anerkannten das mosaische Gesetz und die Propheten prinzipiell einzig das Orakel von Urim oder Thummin zur Befragung Gottes. Es wird als priesterliches Losorakel aufgeführt. Leider beschreibt die Bibel an keiner Stelle Einzelheiten. Nur über ihren festen Standort in Beth-El, während der hebräischen Frühzeit. Hohepriester trugen aber auf ihrer Brustplatte zwölf Steine mit je sechs Buchstaben (Ephod), zusammen die 72 Buchstaben des umfassenden Namen Gottes und der Schöpfungsstunden (zwölf Arbeitsstunden an sechs Tagen). Kam jemand zum Hohepriester, der für das Orakel zuständig war, und stellte seine Frage, leuchteten einige der eingravierten Buchstaben heller als andere.
Eine literarisch berühmte Losorakelszene findet sich im ersten Buch Samuel: König Sauls Schlacht gegen die Philister. Diese hatten zwar gerade die Flucht ergriffen, doch war das Volk Israel zu ermattet, weiter zu kämpfen. Stattdessen machten sie sich über die Beute her, und ohne zuerst davon Gott zu opfern, wollten sie sogar das Blut der Tiere trinken. Dem gebot Saul Einhalt, um einen furchtbaren Gottesfrevel zu verhindern. Zum weiteren Vorgehen bat Saul Gott um ein Zeichen, aber der antwortete schon nicht mehr. Damit schien klar, dass jemand sich schuldig gemacht hatte.

Saul, Priester und König zugleich, liess nun sein Heer auf der einen Seite Aufstellung nehmen und trat selbst mit seinem Sohn Jonathan auf die andere Seite.
41. Da sprach Saul zum Herrn: Gott Israels! Gib den richtigen Bescheid! Da wurden Jonatan und Saul [vom Los] getroffen. Das Volk aber ging frei aus.
42. Da sprach Saul: Loset zwischen mir und meinem Sohn Jonatan! Da ward Jonatan getroffen.
43. Da sprach Saul zu Jonatan: Sage mir, was du getan hast! Jonatan gestand ihm und sprach: Ich habe mit der Spitze des Stabes in meiner Hand ein wenig Honig gekostet. Ich bin bereit zu sterben.
44. Da sprach Saul: So tue mir Gott dies und das! Ja, Jonatan, du musst sterben.
 

 

 

 

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