|
Als Dscheng-dsai, die
Mutter des Konfuzius, auf den Berg Ni-Ajiv ging, um für die Geburt eines
Knaben zu beten, richteten sich Bäume und Pflanzen auf, als sie vorbeiging,
und beim Herabsteigen neigten sie sich ehrerbietig. In der Nacht träumte
Dscheng-dsai vom Herrn des Wassers, der zu ihr sagte, sie werde einen Sohn
zur Welt bringen, einen Weisen. Sie solle ihn in einem hohlen Maulbeerbaum
niederlegen.
In der Schwangerschaft hatte sie die Erscheinung von fünf Greisen, die sich
als die Gebieter von fünf Planeten vorstellten. Bei sich hatten sie ein
Einhorn, das im Mund ein Stück Jade mit einer Inschrift trug: »Ein Kind, das
aus der Wesenheit des Wassers geboren ist, wird das verfallene Königshaus
der Chou fortführen und ungekrönter König werden.«
Am Tag der Geburt begab sich Dscheng-dsai zu einer Höhle, die den Namen
»Hohler Maulbeerbaum« trug. Als sie ihren Sohn gebar, tanzten zwei Drachen
vor der Höhle, himmlische Musik ertönte und eine Quelle bildete sich, damit
die Mutter das Kind waschen konnte. Die Eltern nannten das Kind, in
Erinnerung an die Abstammung der Familie von dem Königshaus Schang »Kung« (Schwalbenei).
Denn der erste Ahne dieses Geschlechts war nach der Überlieferung aus einem
Schwalbenei geboren worden.
Der junge Konfuzius spielte gern mit Opfergeräten und animierte seine
Spielgefährten dazu, sich voreinander zu verneigen und dem anderen den
Vortritt zu lassen. Da sein Vater früh starb, musste er seine Mutter durch
Fischen und Jagen unterstützen, er schoss aber nie auf Vögel, die er
schlafend auf einem Baum sitzend fand. Nach dem Studium in einer Adelsschule
schloss sich die »Verleihung des Männerhutes« als Zeichen an, dass er das
Mannesalter erreicht hatte und sich jetzt einen Bart und die Haare lang
wachsen lassen durfte.
Seinen Schülern befahl er, als sie sich mit ihm einmal auf einen Spaziergang
begaben, Regenschirme mitzunehmen. Als es tatsächlich regnete und die
Schüler ihn fragten, woher er das wusste, verwies er auf ein Himmelszeichen,
das er in der Nacht zuvor gesehen hatte. Als sich im Hof des Herzogs von
Ch'i ein einbeiniger Vogel zeigte und flügelschlagend hin und her hüpfte,
liess der Herzog Konfuzius rufen, um diesen zu befragen. »Dieser Vogel
heisst Schang-Yang«, sagte Konfuzius, »er ist der Vorbote einer grossen
Flut.« Kurze Zeit später kam ein gewaltiger Regen. Alle Staaten wurden
überschwemmt und grosser Schaden entstand. Lediglich Ch'i, dessen Herzog
Vorkehrungen hatte treffen lassen, entging dem Unheil.
Weniger richtig war die Vorhersage, die er über den kleinen Lao-tse abgab,
als er ihm auf einer Strasse begegnete. Die Spitzfindigkeit des Knaben und
seine Schlagfertigkeit verblüfften Konfuzius. Alle Rätsel, die er ihm
aufgab, löste das wundersame Kind. Konfuzius dagegen konnte Laotses Fragen
»Wie viel Sterne stehen am Himmel?« und »Wie viel Haare hast du in deinen
Augenbrauen?« nicht beantworten. Ein wenig verärgert sagte er zu seinen
Begleitern: »Aus frühreifen Knaben wird später nicht viel.«
Spät in seinem Leben, 481 vor Christus , begann er sich in das I Ging, das
Buch der Wandlung, ein uraltes System der Wahrsagekunst, einzulesen. Er
beschäftigte sich so unermüdlich damit, dass er dreimal die Ledergurte
verschliss, die die Tafeln mit dem Text zusammenhielten. »Könnte ich mein
Leben um eine Reihe von Jahren verlängern, so würde ich 5o davon dem Studium
des I Ging widmen«, rief er begeistert aus. Dieses Werk, geschrieben im 4.
Jahrtausend vor Christus vom ersten chinesischen Kaiser Fu-hsi, um 1000 vor
Christus von König Wen systematisiert und von seinem Sohn, dem Herzog von Chou erläutert, besitze so viele Schichten wie die Erde selbst, befand
Konfuzius. Von ihm stammen höchstwahrscheinlich die Kommentare zur
Entscheidung und die Kommentare zu den Bildern des I Ging, die sich bis
heute erhalten haben.
Im Frühjahr des Jahres 481 vor Christus wurde bei einer Jagd ein seltsames
Tier gefangen. Man schickte nach Konfuzius, der in ihm das Einhorn erkannte,
das einstmals seine Mutter besucht hatte. Unter Tränen rief er aus: »Ich bin
auf meinem Weg am Ende.« Er reinigte sich, fastete, wandte sich dem
Nordstern zu und meldete ihm die Vollendung seines Werkes. Vom Himmel
zuckte, so wird überliefert, ein roter Regenbogen herab und verwandelte sich
in ein Stück gelber Jade, das mit Schriftzeichen bedeckt war.
In einem Traum sah er seinen baldigen Tod voraus. Sieben Tage später, am
Tage I-tschou, am elften Tag des vierten Monats, im 16. Jahr des Herzogs Ai
von Lu, dem 41. Regierungsjahr des Königs Djing von Dschou starb Konfuzius
in seinem 73. Lebensjahr (in unserer Zeitrechnung: 479 vor Christus). Sein
Grab befindet sich beim Dorf Kung-li in der Provinz Schantung
(Nordost-China) in einem Gräberhain mit 1000-jährigen Bäumen. |