Studienlehrgang über Träume und Traumdeutung
 
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Königswahlorakel

Während der Amtszeit des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton sprang mir eines Tages die Schlagzeile der Bildzeitung ins Auge: »Clinton trieb es mit 2000 Frauen!« Dies wäre im Altertum das definitive Vorzeichen gewesen, dieses Mannsbild zum König der Könige zu erklären. Schliesslich hatte der König nicht nur sein Volk zu führen. Er war symbolischer und damit auch tatsächlicher Garant für alles fruchtbare Werden seines Volkes, was er mitunter dem ganzen Volk körperlich vor- und nachzuweisen hatte. Umso wichtiger wurde vor dem unseligen Automatismus familiärer Nachfolge die Wahl, und man fand verschiedene Orakel- oder Ausleseverfahren. Dazu konnte es gehören, im Beisein von Gutachtern eine verwöhnte Göttin zufrieden zu stellen, ein Ahnen oder Götterschwert aus dem Fels zu ziehen oder seine Kampfkraft im Zweikampf unter Beweis zu stellen.
Auf der Insel Rügen mussten slawische Königsanwärter von der Seeseite ohne Hilfsmittel den steilen 119 Meter hohen Fels, den heutigen Königsstuhl im Norden der Insel, ersteigen - eine frühe Form der Extremkletterei. Wer diese Mutprobe bestanden hatte, durfte sich auf der Kuppe in einen steinernen Stuhl niederlassen und wurde inthronisiert. So behauptet jedenfalls die Sage.
Die älteste Handschrift irischer Sagentexte, »Leabhar na Huidri«, (»Das Buch der dunkelfarbigen Kuh«) von etwa 1100 nach Christus , erwähnt ein Stierfest während der Wahl des keltischen Hochkönigs. Dazu ass ein Druide von einem rituell getöteten weissen Stier, trank dessen Blut und wurde dann von vier druidischen Kollegen zu einem Visionsschlaf gebettet. Im sich nun einstellenden Traum sah der Schlafende den kommenden König. Wenn dieser Druide über seinen Traum nicht die Wahrheit berichtete, verfiel er einem gnadenlos göttlichen Strafgericht, glaubte man. Doch dieses Stierorakel allein reichte nicht. Nun hatte sich der Kandidat am irischen Königssitz zu Tara noch der eigentlichen Prüfung durch den Königsthron selbst zu unterziehen.
Ähnlich diesem agierenden Schicksalsstein, der später ins schottische Scone und auf schmachvollem Weg sogar in die Westminster Abbey gelangte, gebärdete sich noch ein anderer Krönungsstein, der aber in seiner Heimat blieb. Auf dem Rock of Doon bei Kilmacrenan im irischen Donegal mussten sich die Thronanwärter der mächtigen O'Donnells auf einen heiligen Felsstein stellen. Dann rief das am Fusse des Berges versammelte Volk dreimal: »O'Donnell!« Fand der Stein den gewählten König für würdig, gab er wohl einen dumpfen Freudenlaut von sich. Andere behaupten, er wiederholte schreiend: »O'Donnell!« Oder war dies nur das Echo?

 

 

 

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