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Zu den bedeutendsten,
aber eher jüngeren Orakelstätten Kleinasiens zählte Klaros, nahe Kolochos,
der Sage nach von Manto, der Tochter des Teiresias und Mutter des Mopsos
gegründet. Es gewann in der römischen Kaiserzeit höchstes Ansehen, und man
zog es sogar in theologischen Fragen zu Rate.
Durch einen Gang unter dem Tempel gelangte man zur heiligen Quelle. Nicht
nur der Priester, sondern jeder, der aus der Quelle trank, soll seherische
Kraft erlangt haben. Es wird aber kaum jeder zu dieser Quelle vorgelassen
worden sein. Im Gegenteil. Die Priester von Klaros, »Prophetes« genannt,
mussten aus einer bestimmten Familie nahe von Milet stammen, die wohl auch
sehr viel auf Gelehrsamkeit hielt. Nach festgelegten Vorbereitungen, wie
sicherlich das übliche Opfer der Konsultanten, nannte man dem Propheten nur
die Anzahl und die Namen der Kunden. Dann stieg der allein in die Grotte,
nahm einen »göttlichen Trank« aus der Quelle und erteilte Sprüche über die
Anfragen. Der Orakelspruch erfolgte in Hexametern, die auf Tontäfelchen
geschrieben und vielleicht auch dabei erst in Verse gebracht wurden. Um den
Aussagen eine besondere Würde zu verleihen, arbeiteten die Verfasser gezielt
mit einer archaischen und eigentümlichen Wortwahl. Zumindest machten sie
sich die Mühe, wenn die Festgesandtschaft einer Polis (Stadt) zum Orakel
kam. Bei Privatpersonen wählte das Orakel wohl einen Spruch aus einer
Sammlung kurzer und vorformulierter Texte.
Als sich im 2. Jahrhundert nach Christus in einem kleinen Ort in Lydien
Seuchen und Misswuchs mehrten, sandten die Bewohner Boten zu Apollon als
Herrn des Orakels von Klaros. Doch ehe der Gott ausführlich über
Hintergründe und Rettung sprach, fragte er einmal zurück: »Wieso schwärmt
ihr jetzt voll Staunen um meine Schwelle und wünscht, dass die Wahrheit euch
zu Ohren komme?« Doch da sie schon einmal gekommen seien, wolle er ihnen die
Wahrheit sagen. Dann erklärte er ihnen das ganze schreckliche Ausmass der
Katastrophe, das ihnen noch bevorstünde, bevor sie dem Unheil Einhalt
gebieten könnten. |