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Brennende Kerzen
übernehmen auch Symbole von Feuer (Feuerorakel), Licht und damit des inneren
Lichtes. Damit schienen sie geradezu prädestiniert, Vorzeichen oder einen
Zugang zur inneren Weisheit zu liefern.
Wenn bei der Krankensegnung der Rauch der ausgelöschten Kerze deutlich nach
oben zieht, durchs Zimmer streicht oder geradezu auf den Kranken drängt,
deute dies auf dessen Genesung; bewegt er sich auf die Türe zu, künde er vom
Tod, glaubte man. Ein lange rauchender Lichtdocht nach dem Verlöschen
verweise auf einen Skandal! Knistert und funkt es, erhalte man einen Brief,
sollte das Kerzenlicht gar »brummen«, stehe ein scharfer Tadel bevor! Steigt
der Rauch der Kerzen beim Seelenamt in die Höhe, kommt der Tote in den
Himmel. Verbreitet sich der Rauch nach unten, steht es wohl schlechter mit
ihm. Wer beim Scheine einer am Heiligabend oder Silvester rückwärts in das
Zimmer getragenen Kerze einen kopflosen, schwindenden oder gar keinen
Schatten an die Wand wirft, der überlebe das nächste Jahr nicht oder ist
bereits unter die Geister aufgenommen worden. Näheres dazu erfährt man im
Magischen Spiegel.
Für ein Kerzenorakel bieten sich besonders Lichtmess (2. Februar) an,
Allerseelen, der Thomastag und Neujahr. Dazwischen aber funktioniert's auch.
Grosse Bedeutung gewann dieses Orakel bei der Namenswahl, entweder für das
zu erwartende Kind, für die eigene Namensänderung, für die Suche nach einem
neuen oder überhaupt nach einem Schutzpatron; aber auch zur Umtaufung eines
Kranken, um alle lauernden Dämonen zu irritieren. Die häufigste Methode
verlangt zwölf neue und gleich grosse Kerzen, in die Namen der Heiligen
geritzt oder per Aufkleber markiert werden. Dann zünde man alle zur gleichen
Zeit an. Diejenige, die als letzte verlischt, gilt im Allgemeinen als
Namenskünder. Früher nutzte man häufig die Namen der zwölf Apostel. Aber da
bestand die Gefahr, dass die Judaskerze zu langsam abbrannte. Als Eltern
noch ihre ganze Zeugungspotenz ausschöpften, wurde auf diese Weise auch
ermittelt, wer aus ihrer Nachkommenschaft dem geistlichen Stand als
Priester, Mönch oder Nonne geopfert werden sollte.
Intimere Bitten wie auch oft die um das Auffinden von verlorenen
Gegenständen legen Katholiken vielfach dem heiligen Antonius vor. Dazu zünde
man vor seinem Altar eine Kerze an und warte in den nächsten Tagen auf die
deutliche Sprache per Intuition. Hier verbindet sich die Befragung noch, wie
in der Antike, mit einem wenn auch kleinen Opfer. Meine Mutter, die auf
dieses Vorgehen schwor, behauptete aber zuletzt: es sei teurer geworden beim
Antonius. Aber was wird nicht teurer heutzutage!
Eine besondere Abart findet sich in einem Brauch aus Bremen, der noch bis
zum Zweiten Weltkrieg üblich war. Wenn Angehörige oder Freunde von
Verstorbenen, vermissten oder für tot erklärten Seeleuten deren geringe Habe
versteigern liessen, zündete der Auktionator, meist selber ein alter Seebär,
zunächst eine kleine und schon fast heruntergebrannte Kerze auf einem
Leuchter an. Dann begann die Versteigerung, die in der Regel nicht Details,
sondern den Nachlass als Ganzes erfasste. Die Versteigerung war in dem
Augenblick beendet, in dem das Licht erlosch — egal, wie viel noch geboten
werden sollte. Man sah darin einen Fingerzeig aus dem Jenseits, eine Person,
nämlich die zuletzt geboten hatte, als Erben zu bestimmen. |