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Eines Tages spielten an
ihrem Geburtstag Kassandra und ihr Zwillingsbruder Helenos, Kinder des
Königs Priamus (bedeutet, Der Erste, das aller erste Prinzip) von Troja und
seiner Frau Hekabe (identisch mit Hekate als Bezeichnung für die Grosse
Mutter), im Tempel des Sonnengottes Apollon. Schliesslich waren sie müde und
schliefen ein. Als die besorgte Mutter nach ihnen suchte, fand sie die
beiden im Tempel. Die dort lebenden heiligen Schlangen leckten gerade die
Ohren der Kinder. Erschreckt durch Hekabes Aufschrei flüchteten sie in einen
Lorbeerhaufen. Apollon, der die Zwillinge, vor allem Kassandra, liebte,
hatte ihnen damit jedoch die Gabe der Weissagung verliehen.
Hyginus überliefert in seinen »Fabulae« einen anderen Verlauf. Demnach war
Kassandra allein im Tempel eingeschlafen. Da erschien ihr im Traum Apollon
und versprach ihr die Gabe der Prophetie, wenn sie sich ihm hingebe.
Kassandra willigte zunächst ein. Aber nach Abwägung von Einsatz und Nutzen
bereute sie und nahm die Zusage zurück. Apollon gab sich nun bescheiden auch
mit einem Kuss zufrieden. Als sie ihm aber den Mund hinhielt, spie er ihr
schnöde hinein. Von nun an vermöge sie allein drohendes Unheil zu wahrsagen,
und niemand würde ihr je eine ihrer Prophezeiungen glauben, lässt er sie
wissen - eine grausige Rache, die sich nur ein Gott ausdenken kann.
Der Fluch Apollons erfüllte sich in einer unseligen Kette von Vorhersagen.
Bei der Geburt ihres Bruders Paris orakelte sie, durch ihn werde Troja einst
untergehen. Bei der Reise des Paris zum Spartanerkönig Menelaos sagte sie
voraus, dass er dessen Gattin Helena (Göttin des Mondes) entführen werde,
was den langen Krieg zwischen Griechen und Trojanern auslösen sollte.
Niemand glaubte ihr; auch nicht, als im zehnten Jahr dieses Krieges die
Griechen dem belagerten Troja ein hölzernes Pferd anboten. Kassandra schaute
und kündete, der Bauch dieses Pferdes werde bewaffnete Krieger ausspeien,
das Geschenk sei ein Kuckucksei.
Und sie schelten meine Klagen, Und sie höhnen meinen Schmerz, Einsam in die
Wüste tragen Muss ich mein gequältes Herz, Von den Glücklichen gemieden Und
den Fröhlichen ein Spott! Schweres hast du mir beschieden, Pythischer, du
arger Gott!
Dein Orakel zu verkünden, Warum warfest du mich hin In die Stadt der ewig
Blinden Mit dem aufgeschlossnen Sinn? Warum gabst du mir zu sehen, Was ich
doch nicht wenden kann? Das Verhängte muss geschehen, Das Gefürchtete muss
nahn.
Friedrich Schiller: Kassandra
Bei der Teilung der Beute geriet Kassandra als Sklavin in die Hand des
Königs Agamemnon, der sie mit nach Mykene nahm, wo sie seine Geliebte
geworden sein soll. Agamemnons Gattin Klytaimnestra soll ihren Gatten und
seine orakelnde Mätresse aus Eifersucht getötet haben. In Lakonien zeigte
man im Altertum an verschiedenen Orten Kassandras Grab und identifizierte
sie mit einer einheimischen Halbgöttin Alexandra.
Aischylos lässt sie in seiner Tragödie »Agamemnon« selbst ihren eigenen Tod
in Mykene als grossartige Vision im Voraus erleben. In diesem Werk hatte
Priamos sie wegen ihrer düsteren Prophezeiungen in einer Pyramide einsperren
lassen, so dass ihre vorausschauenden Warnungen nur durch eine Dienerin
übermittelt werden konnten. Das Epos »Alexandra« des hellenistischen
Dichters Lykophron besteht aus einer endlosen Kette düsterer Voraussagen der
Kassandra.
Leid und Fluch der Kassandra fanden mit ihrem Tod mitnichten ein Ende. Die
ewige Warnerin wurde zur Urmutter all derer, die aufgrund einer überbetont
negativen Weltsicht überall nur Unglück wähnen und nicht merken, dass sie
damit den Grossteil des Blickspektrums ausblenden; und all derer, die viele
auf sich selbst bezogene Unglücke suggestiv bewirken und sich dann in ihrem
Pessimismus immer neu bestätigt fühlen. Hatte auch Kassandra einen Teil der
Katastrophen selbst heraufbeschworen, als sie die Zukunft hinausschrie?
Vielleicht sollte man sich wirklich hüten, die Götter zu küssen. |