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Als »einzigartige
Persönlichkeit« beschrieb der Arzt J.H. Schultz seinen Freund aus
Studententagen Carl Gustav Jung: »Der breitschultrige, schwere, gewaltige
Mann mit dem Riesenschädel, den hinter scharfen Brillengläsern tief
liegenden, bald sinnenden, bald blitzenden, bald fast argwöhnisch
beobachtenden braunen Augen, der olympisch hohen Stirn, dem machtvollen
Munde strahlt geistig, seelisch und körperlich eine unbändige Urhaftigkeit
aus, in der sich gesundes Bauerntum, kindhafte Weisheit und vorseherischer
Fanatismus untrennbar mischen.«
Die Neigung zur Vorherseherei war von Jungs zum Okkultismus neigenden
Grossvater mütterlicherseits schon früh bestärkt worden. In jungen Jahren
las Jung die ganze damals erreichbare Literatur über Spiritismus, unter
anderem die Werke von Eschenmayer, Passavant, Kerner, Görres und Swedenborg.
Mit Kommilitonen veranstaltete er spiritistische Seancen mit einer 15-
jährigen Verwandten als Medium. Die Botschaften, die sie den Klopflauten aus
Tisch und Wänden entnahm, jagten allen oft einen nachhaltigen Schauer ein.
Auf dem Nachhauseweg durch das finstere Nachtigallenwäldchen liess sich der
empfindsame Jung deshalb von einem Kameraden begleiten und unterhielt diesen
dann damit, die Stellen zu zeigen, wo jemand ermordet worden war.
Nach dem Studium der Medizin im Jahr 1900 und nach Abfassung seiner
Doktorarbeit (»Zur Psychologie und Pathologie so genannter okkulter
Phänomene«), in die er auch die Erlebnisse in den Seancen verarbeitete,
wurde Jung Assistent von Professor Bleuler am »Burghölzli«, der
psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich.
Jung entwickelte über diagnostische Assoziationsversuche ein Instrument, das
zur Auffindung von im Unbewussten wurzelnden »gefühlsbetonten Komplexen« bei
den Klienten diente. Jung setzte seinen Assoziationstest auch erfolgreich
ein, um Straftaten ans Licht zu bringen, die auf juristischen Wegen nicht
nachweisbar waren.
1909 auf einer Reise mit Sigmund Freud in die USA begegnete er dem
Philosophen und Psychologen William James, einem Menschen mit ähnlichen
Interessen. James hatte vielfach mit einem Medium, Eleonore Piper, Kontakt
zu Verstorbenen aufgenommen.
Bei der Überfahrt auf der »George Washington« hatte Freud einen Traum Jungs,
der in weitläufigen, unterirdischen Gewölben aus prähistorischen Zeiten
spielte, als einen Hinweis auf verdrängte Todeswünsche gegenüber Angehörigen
interpretiert. Jung hatte in diesem Traum in einem der Gewölbe zwei
Menschenschädel gefunden, die sehr alt und halb zerfallen waren. Jung
dagegen glaubte, eine Botschaft aus jener Schicht der Psyche erhalten zu
haben, die er später als das allen Menschen gemeinsame »kollektive
Unterbewusste«, die Welt der Archetypen, bezeichnete.
»Das kollektive Unbewusste entwickelt sich nicht individuell, sondern wird
ererbt«, präzisierte Jung 1934. »Es besteht aus präexistenten Formen,
Archetypen, die erst sekundär bewusst werden können und den Inhalten des
Bewussten fest umrissene Formen geben.« Besondere Bedeutung für Jung hatte
der Archetyp des Kindes, der oft in Träumen von Klienten auftauchte und den
Jung als Hinweis auf eine zukünftige Wandlung der Persönlichkeit deutete.
»Das Kind ist potenzielle Zukunft. «
Auch Träume, die Jung 1913 hatte (in denen er dicke Blutstrahlen aus der
Erde schiessen sah), deutete er nicht in Bezug auf sich. Vielmehr sah er in
ihnen prophetische Gesichte, die die Katastrophe des Ersten Weltkriegs
ankündigten. Phantasien, Träume und Visionen trug er üb er Jahre akribisch
im »Roten Buch« ein. Dieses ungewöhnliche Tagebuch ergänzte er durch
Zeichnungen.
Die Phantome, denen er in seinem Unterbewussten begegnete, kamen ihm allzu
bald wie physisch real vor: Mit Philemon, einem alten Mann mit Stierhörnern
und Flügeln, der auf einem Fuss lahmte, spazierte Jung im Garten auf und ab
und liess sich in langen Gesprächen esoterisches Wissen über die dunklen
psychischen Bezirke jenseits des Ichs vermitteln. Von einem weiblichen sehr
verführerischen und intriganten Geist, den er »Anima« nannte, liess er sich
– kostenfrei versteht sich - analysieren.
Mit der Veröffentlichung seines Buchs »Psychologische Typen« im Jahr 1921
legte Jung eine komplexe und etwas allzu komplette Typologie des
menschlichen Charakters vor. Jung benannte acht Funktionstypen, die man an
der den Charakter jeweils dominierenden Tendenz (Extraversion, Introversion,
Fühlen, Denken, Wahrnehmung, Intuition) erkennen können soll.
Über den Sinologen Richard Wilhelm lernte er das I Ging, eine alte
chinesische Orakelmethode, kennen und lieben. Jung setzte das I Ging sogar
in Therapien ein. Er war überrascht, wie gut das Orakel auch bei heiklen
Fragen funktionierte. Die hohe Trefferzahl schien ihm nicht mehr blosser
Zufall zu sein. In einem Vortrag 1952 in Ascona bezeichnete er als akausal
erlebte Koinzidenzen eines psychischen Zustandes (zum Beispiel eines beim I
Ging ratsuchenden Menschen) und einem entsprechenden noch nicht vorhandenen
zukünftigen Ereignis (die treffende Antwort des I Ging im Hexagramm) als
»synchronistisch«. Damit setzte er eine bis heute zuweilen sehr heftig
geführte Diskussion in Gang.
Einmal fühlte sich Jung in einem Traum im 17. Jahrhundert gefangen. Der
Traum beschäftigte ihn lange und schien ihm von besonderer Bedeutung. Erst
als er die Schriften des im 17. Jahrhundert lebenden Wunderdoktors, Magiers,
Naturphilosophen, Propheten und Alchemisten Paracelsus in die Hände bekam,
verstand er. Hier in dem ihm faustisch anmutenden Reformator der Medizin
fand er den geistigen Ahnherrn, den er sein Leben lang vergeblich gesucht
hatte.
Über die Beschäftigung mit Paracelsus wurde Jung plötzlich klar, dass mit
scheinbar physikalisch-alchemistischen Prozeduren gleichzeitig ein
psychischer Transformationsprozess beschrieben wurde. Jungs Biograph Paul
Stern: »In dieser vergeistigten Sicht bedeutete die profane Bemühung um die
chemische Verwandlung von Blei und Gold >eigentlich< die Suche nach dem
Stein der Weisen, die sowohl geistiger als auch stofflicher Natur war; die
vermeintliche chemische Transmutation war gleichzeitig innere mystische
Wandlung, mit dem Ziel der Selbstfindung und Selbstveredelung. Das mühsame
Hantieren (des Alchemisten) mit der Materie sei im Grunde geistiges
Exerzitium gewesen.« |