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In der Nacht zum 14.
November 1907 erwachte der Fischer, Kirchendiener, Bauer und Landvermesser
Anton Johansson kurz nach Mitternacht. Er sah sich von einem starken Schein
umstrahlt. Rechts neben ihm sprach eine Stimme: »Dir soll gegeben sein, die
Geheimnisse des Himmelreiches zu wissen.« Vor sich erblickte er eine lange
Reihe von Jahreszahlen bis in die weite Zukunft hinein. Neben diesem
Kalender sah er, was in der Zukunft geschehen würde.
Im Geiste wurde Anton zu den Schauplätzen dieser Ereignisse geführt. Er habe
alles so deutlich erkennen können, erzählte er später seinem Biographen,
»als sässe ich als Schuljunge über der Landkarte meines Onkels«. Was er bei
wiederholten Visionen erfuhr, betraf ihn, seine Familie und seine nächste
Umgebung (Ernten, Fischfang und Unglücke), er sah aber auch, was in der Welt
geschehen würde (Feuersbrünste, Orkane, Erdbeben, Vulkanausbrüche und
Kriege).
Das Wissen um die bevorstehende Weltkatastrophe, den Ausbruch des Ersten
Weltkriegs, liess ihm keine Ruhe. 1912 ging er an einem Herbsttag im
Schneesturm einen 60 Kilometer langen und schwierigen Weg über das Gebirge
zum finnmärkischen Reichstagsabgeordneten H. Lund. Johansson wollte, dass
Lund die Regierung vor dem Bevorstehenden warnt. Im Dezember 1913 suchte
Johansson die Deutsche Gesandtschaft in Oslo auf und flehte den Sekretär,
der ihn empfing, mit Tränen in den Augen an, dass er dringend Kaiser Wilhelm
seine Gesichte und Vorwarnungen persönlich bekannt geben müsse. Dieser wies
ihn schroff ab: Ȇber die Politik wissen wir besser Bescheid als Sie.
Bleiben Sie bei Ihrer Fischerei.«
Johansson wurde am 24. Mai 1858 in dem schwedischen Ort Tärna in Mosjoen als
der älteste von sieben Geschwistern eines norwegischen Landwirtehepaars
geboren. Eines der Geschwister hatte, ehe der Vater starb, ein Gesicht von
dessen bevorstehendem Tod. 1876 war die Familie in das norwegische
Finnmarken, zwölf Kilometer südöstlich vom Nordkap, umgezogen.
In der Karfreitagsnacht 1884 morgens zwischen fünf und sechs Uhr hatte Anton
Johansson ein Gesicht gehabt, in dem er seine beiden Brüder im Meer bei
einer Klippe, etwa 4o Kilometer von zu Hause entfernt, umkommen sah. Später
erfuhr er, dass das Unglück zur gleichen Zeit geschehen war, als er es
gesehen hatte. Einige Jahre später, als er in der Kirche seines Heimatorts
Lebesky im Eingang sass, durchströmte ihn eine starke Kraft und eine Stimme
flüsterte ihm ins rechte Ohr, er möge für die Teilnehmer am Abendmahl, ein
jung verheiratetes Paar, beten. Acht Tage später hörte Anton, dass beide
kurz nach der Abfahrt mit ihrem Boot ertrunken waren.
Bei seinen Gesichten fühlte er sich von einer Kraft durchströmt, als befände
er sich in unmittelbarer Nähe Gottes. »Wenn ich im wachen Zustand ein
Gesicht hatte, legte sich mir gleichsam ein Schleier vor die Augen, die wie
verwandelt waren und denen eine unerklärliche Kraft eignete, die mich
alsbald ganz durchströmte. Ich hatte das Gefühl, als habe ich neue Augen
bekommen, und alle Bilder standen so lange vor meinem inneren Auge, dass ich
sie in aller Musse betrachten und mir einprägen konnte.« Eine Vision im Jahr
1907 versetzte Johansson in den Weltraum. Dieser erschien ihm als ein
einziges Lichtmeer von unbeschreiblicher Schönheit und nahezu blendender
Stärke. Sein Begleiter sagte zu ihm: »So sehen die Gefilde der Seligen aus.«
Seine letzten Jahre verbrachte Johansson bei einer Schwester Agnes in Oslo,
die eine Pension mit einem Mittagstisch führte. Dort ging es ihm, wie eine
Vision angekündigt hatte, »besser auf seine alten Tage«. Am 10. .1929 starb
»der Seher von Lebesby« im 71. Lebensjahr. Wie ihm von einer Stimme
prophezeit worden war, waren Haare und Bart vor seinem Tod weiss geworden.
Im Rundfunk hielt ein Professor eine Gedenkrede und nannte ihn »einen
Zeigefinger, der zu Gott weist«. Noch heute kann man an dem Platz in der
Kirche, wo sich Johansson immer niedergekniet hatte, die Spuren der Knie und
Füsse des eifrigen Beters sehen. |