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Wie viele Menschen
sprechen davon, ihrer inneren Stimme oder dem Gewissen zu folgen, und meinen
damit die Führung einer inneren Kraft und Intuition, die sanft mahnt und zum
Guten lenkt. Den irischen Nobelpreisträger William Butler Yeats (1865-1939)
führten zwei Innere Stimmen (instructors) zur höchsten Poesie. Der Dichter
Dante Alighieri (1265-1321) erhielt nach eigenen Angaben seine »Göttliche
Komödie« als Diktat. Massenmörder, Terroristen hören ebenso Stimmen wie
Erfinder und Wissenschaftler und viele Schizophrene. Medien und Anhänger des
Channeling suchen sie direkt. Offensichtlich müssen wir dabei
differenzieren. Spirituelle Schulen empfehlen, sich an die Eine Wahre Innere
Stimme zu halten, deren Impulse wir häufig aufgreifen, aber nicht immer
verstehen und rein - im Sinn von unverfälscht - »herunterholen«. Die Art des
Verständnisses hängt ganz von unserem Bewusstsein ab.
Das Christentum hatte seine Mühe mit all solchen Stimmen, obwohl viele
Heilige und Mystiker sich danach geradezu verzehrten. Wussten Kirchenführer
doch, wie leicht wir in die Fänge von verselbständigten und abgespaltenen
Teilen unserer Persönlichkeit geraten. Und in den meisten Fällen handelt es
sich dabei um solche Ausdrucksformen - manchmal auch um familiäre oder
kollektive Muster -, die so stark geworden sind, dass sie einen
Führungsanspruch erheben oder zumindest verstärkt auf sich aufmerksam machen
wollen. Manche glauben noch an weitere Einmischungen, zum Beispiel von »Nichtinkarnierten«
oder »Astrallarven«. Jedenfalls sind manche dieser Stimmen durchaus
unterhaltend, manche sehr intelligent und viel wissend, andere weniger,
geschwätzig oder gar äusserst lästig. Ihre oft kaum unterscheidbare Mischung
von Wahrheit und Täuschung führt uns aber allzu leicht auf Irrwege.
Die »Eine Wahre Innere Stimme« meldet sich auf direkt wahrnehmbarem Weg
leider höchst selten. Sie macht sich durch ein leises Raunen einer
klanglosen Stimme bemerkbar, durch ein starkes Gefühl, ein Bild oder als
erleuchtender Gedanke. »Ihr Rat ist immer angemessen«, fand schon Lao-tse,
und er hält jeder wissenschaftlichen Hinterfragung stand. Dabei hält sie
sich immer äusserst kurz und knapp, bleibt präzise, unmissverständlich, aber
unpersönlich. Sie rät niemals zu reiner Zweckmässigkeit, verspricht nur
selten etwas, mitnichten Wohlstand, Ansehen, besondere Kenntnisse, Aufgaben
oder was sonst noch an unseren Stolz appelliert. Ihre Botschaft verbindet
sich in der Regel mit einer Erkenntnis, die unsere Situation oder ein
Problem in universelle Gesetze einbindet und Prinzipien aufdeckt. Sie
gebietet und zwingt nie zu etwas, verlangt nichts und unterbricht niemals.
Sie hält sich dezent zurück, um überhaupt nur dann zu »sprechen«, wenn wir
uns in die vollkommene Ruhe einer Meditation, eines Gebets oder der
Kontemplation begeben und alle anderen »Stimmen« schweigen.
Diese Stimme - im Tarot als Hierophant dargestellt - wird dem höchsten
kosmischen oder universellen Bewusstsein zugeordnet. Als unpersönliche Kraft
schmeichelt sie nie, liefert aber mitunter unliebsame Hinweise. Überhören
wir sie geflissentlich, blockieren wir den Kontakt, der dann, wie alles, was
nicht gepflegt wird, rasch einschläft. Andererseits lässt sich der Kontakt
durch Achtsamkeit natürlich ausbauen. Leider werden mit dieser Inneren
Stimme auch andere aktiv und aktiviert. Doch wer die »Eine« einmal vernommen
hat, weiss sie von weniger seriösen Mitbewerbern zu unterscheiden. |