Studienlehrgang über Träume und Traumdeutung
 
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Ile de Sein

Die flache ein Quadratkilometer grosse Insel, dem Pointe du Raz in der Bretagne vorgelagert, liegt an ihren höchsten Stellen nur acht Meter über dem Meeresspiegel, ein Teil sogar unter Null. Mehrfach ist Sein von Springfluten heimgesucht worden. Bei Hochwasser sieht man von der Insel dann allenfalls noch den mit einer Brüstung geschützten zementierten Fahrweg, der zum Leuchtturm führt. Nur einige Hundert Menschen (und nur sehr wenige junge Familien) leben auf Sein, die wegen ihrer Armut bis vor einigen Jahrzehnten keine Steuern bezahlen mussten.
Auf dem Festland, an dem nördlich gelegenen Pointe du Van, liegt zwischen zwei felsigen Landzungen die wilde »Bucht der Verstorbenen« (Bai de Trespasses). Nach alter Überlieferung sollen hier die sterblichen Überreste der Druiden in Booten zur gegenüberliegenden Ile de Sein (Insel der Toten) transportiert und dort begraben worden sein. Allein der Name der Insel erregte lange Zeit Furcht. »Wer die Sein erblickt, sieht sein Ende«, sagt noch heute ein bretonisches Sprichwort.
An der Bai de Trespasses versammeln sich nach dem Glauben der Bretonen am Allerseelentag die Geister der Ertrunkenen und suchen die, die sie zu ihren Lebzeiten liebten. Auch glaubt man, dass die Seelen des Fegefeuers hier überall herumirren und sich hellsichtigen Menschen in Feuern auf dem Ozean zeigen, sich als Rufer in den stürmischen Wellen bemerkbar machen oder aber in langen Prozessionen zu den Kapellen der Lebenden, in denen sie um Erlösung beten.
Der römische Geograph Pomponius Mela berichtete 43 nach Christus in »De Chorographia«, dass sich auf der Insel »Sena« ein Orakel eines gallischen Gottes befand und dass dort ein Kollegium von Priesterinnen lebte, die »ihre Heilmittel und ihre Weissagungen denjenigen vorhielten, die ihre Reise zu Land und zu Wasser nur mit dem Ziel unternahmen, ihren Rat einzuholen«.
Pomponius weiter: »Die Vorsteherinnen desselben, welche ewige Keuschheit geloben, neun an der Zahl, werden Gallicenen genannt. Man hält sie für mit besonderen Eigenschaften begabt: nämlich dass sie durch ihren Gesang das Meer und die Winde erregen.« Ähnliches weiss er über die Wahrsagerei der Kimbern zu berichten, »von denen die merkwürdigste jene ist, vermittelst welcher sie durch das Geräusch und das Wirbeln des Wassers in Verzückung geraten und weissagen. Es werden auf eine solche Art die Augen und Ohren und die Nerven überhaupt auf eine geheimnisvolle Weise bewegt, erschüttert und gestimmt, so dass man sich an die bezaubernden Nereiden, Nymphen und Nixen erinnert. Dies wäre sogar ein Mittel, viele Nervenübel zu heilen und ganz vorzüglich zum Schlafwachen hinneigende Personen in einen helleren Zustand zu versetzen, wie dies einige Erfahrungen auch wirklich bestätigen.«
Die Insel, als westlichster Punkt der Bretagne, »gegen Sonnenuntergang gelegen«, gilt als eines der mutmasslichen irdischen Vorbilder für Avalon, das Jenseits der Kelten, die nebelumwobene »Insel der Seligen«. Nach der Überlieferung soll Avalon von neun Schwestern regiert worden sein, die magische Fähigkeiten besassen. Morgan, die erste unter ihnen, hatte besondere Fertigkeiten nicht nur in der Heilkunst. Sie konnte ihre Gestalt auch nach Belieben verändern und durch die Luft zu fernen Orten fliegen.
Nicht weit von dem auf dem Festland gelegenen spirituellen Zentrum Carnac entfernt und sicherlich mit Bezug dorthin, konnte die ile de Sein ihre »magische Reputation« noch lange behaupten. Sie gilt als letzter Ort in Europa, der christianisiert wurde. Und das geschah erst im 17. Jahrhundert durch Jesuiten. Danach mochten die Bewohner ihren Priester aber auch nicht mehr hergeben. Den Departementsbehörden zum Trotz behielten sie ihn während der Französischen Revolution. Und im Juni des Jahres 1940, als alle 130 Männer der Insel mit ihren Schiffen nach London fuhren, um sich dem Kampf de Gaulles gegen die deutschen Besatzer anzuschliessen, liessen sie ihren Pfarrer als Beistand für die Frauen und Kinder zurück.
Der Gottesdienst am Jahresende, als Dank dafür, dass die Insel vor dem Meer sicher war, wird sogar bei Sturm abgehalten, wenn die Kirchenfenster und die Wände der Kirche unter den Böen erzittern. Dann darf auch ein Hund, den man nicht allein zu Hause lassen möchte, mal mit in das Gotteshaus.
Die stets ganz in Schwarz gekleideten Frauen der Insel trugen früher den höchsten Kopfputz in Britannien - trugen den schon die neun druidischen Priesterinnen? - und standen noch bis in neuere Zeit im Ruf, Seeleute durch Hexerei ins Verderben zu locken und ihre Armut durch die Plünderung von bewusst irregeleiteten gestrandeten Schiffen in Grenzen zu halten.
Nach der bretonischen Erzählung von Dahud-Ahes, der Tochter des halblegendären Königs Gradlon von Kernev (Cornouaille) aus dem 6. Jahrhundert nach Christus widersetzte sie, »die schändliche Tochter eines ehrwürdigen Königs«, sich unerschütterlich und mit magischen Mitteln der Ausbreitung des Christentums. Im Kampf mit ihrem Gegenspieler, dem heiligen Guenole (Gwendulin), wird »ihre Stadt« Ker-Ys durch eine Flut zerstört. Als Dahud-Ahes in den Wellen versank, verwandelte Guenole die Druidin in eine Meerjungfrau und bewies damit, ebenso wie sie über Zauberkräfte zu verfügen. Professor Markale sieht in seinem Buch »Die Druiden« in Dahud-Ahes nicht nur den Gegensatz von Heidentum und Christentum versinnbildlicht, sondern ebenso den Widerstand gegen die männliche Autorität: Die ganze Tragweite dieser Geschichte werde deutlich, wenn man ihr »zügelloses« Leben mit den Lehren der christlichen Kirche vergleiche, die hier von dem heiligen Guennole repräsentiert werden. Den Ort der untergegangenen Stadt Ker-Ys legt die Sage ins Meer zwischen der »Bucht der Verstorbenen« und der Insel Sein. An windstillen Tagen wollen viele dort schon die Glocken von Ys auf dem Meeresgrund gehört haben. Forscher nehmen an, dass zu Beginn der christlichen Ära eine Naturkatastrophe die ile de Sein vielleicht wirklich vom Festland abgetrennt hat. Das Vorhandensein von zwei megalithischen Menhiren auf der Insel macht eine solche Annahme recht wahrscheinlich.
In einer Seitenbucht der »Bucht der Verstorbenen« lebt ein sehr zutrauliches Delphinweibchen, das gern mit Badenden spielt und mit ihnen zusammen auf das Meer hinaus schwimmt. Hat die Geschichte von der Meerjungfrau Dahud-Ahes ein Happy End gefunden?

 

 

 

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