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„Du musst unbedingt das I
Ging lesen. Ich will nicht darüber reden, ich will nur so viel sagen: Es ist
das einzige, was phantastisch wahr ist. Du liest es, und du weisst einfach,
dass es wahr ist. Es ist etwas, an das man glauben kann«, sagte Bob Dylan zu
einem Freund.
Das »I Ging«, das »Buch der Wandlungen«, ist eines der herausragenden Bücher
der Menschheitsgeschichte. Man kann es als Orakelmedium verwenden, das
heisst, mit ihm in die Zukunft blicken, um herauszufinden, wie sich die
Dinge entwickeln könnten und werden. Man kann es aber auch als Weisheitsbuch
lesen, als einen grossen philosophischen Versuch, die Welt zu begreifen, wie
sie ist.
Für das Orakeln mit dem I Ging (auch »I-ching« und »Yijing« geschrieben)
gibt es zwei Mittel: 50 Schafgarbenstängel oder 3 Münzen. Bei beiden
Methoden geht es darum, jeweils ein Zeichen zu ermitteln, das auf eine
konkrete Frage eine Situation und den in ihr liegenden Keim einer
Entwicklung beschreibt. Ein weiteres Zeichen, das sich aus dem ersten
ergeben kann, zeigt den möglichen weiteren Verlauf dieses
Entwicklungsprozesses - eben die Wandlung.
Das zu ermittelnde Zeichen besteht aus 6 Linien und wird »Hexagramm«
genannt. Es gibt zwei Arten von Linien: die durchgezogene und die
unterbrochene. Damit hat das I Ging bereits vor Urzeiten einen fundamentalen
binären Code vorgegeben, wie wir ihn heute mit der o und der i für die
Zerlegung von Allem und Jedem in digitale Daten haben.
Jedes Hexagramm besteht wiederum aus zwei Trigrammen, also Hälften aus je 3
Linien. Es gibt insgesamt 8 Möglichkeiten, 3 Linien von zweierlei Art
miteinander zu kombinieren, also insgesamt 8 Trigramme. Und wenn man diese 8
Trigramme jeweils in Zweierpaaren miteinander verbindet, erhält man die 64
Hexagramme (8 mal 8 Möglichkeiten), die zusammen das I Ging bilden.
Somit ist das I Ging, das die Welt in seiner Prozesshaftigkeit systematisch
erfasst, ein philosophischer Ansatz, der stark auf der Zahl gründet: 2
Linientypen, 8 Trigramme (aus 3 Linien), 64 Hexagramme (aus 6 Linien). Die
Anzahl der Hexagramme korrespondiert mit der Anzahl der Felder des
Schachbretts - 64 - und kann auch auf die Genpaare der menschlichen
Doppelhelix - 64 - bezogen werden. So ergeben »Chaosforschung, I Ging und
genetischer Code« ein sinnvolles Forschungsfeld, wie es bereits 1992 Katya
Walter in ihrem gleichnamigen Buch grundlegend benannt und bearbeitet hat.
Entstanden ist das I Ging vor ungefähr 5000 Jahren. Sein Ursprung liegt im
mythischen Dunkel. Die Forschung spricht von Gründerfiguren wie dem
Kulturheros und Schamanen Fu-hsi und dem Zhou-König Wen Wang. Der früheste
Fund eines I-Ging-Textes datiert in das Jahr i68 vor Christus ; er kam erst
1973 ans Licht, als man bei Mawangdui, einem Vorort der Provinzhauptstadt
Changsha in Süd-China, ein altes Grab öffnete.
Für den Westen wurde das I Ging, das Buch der Wandlungen, von Richard
Wilhelm erschlossen, der sich als evangelischer Missionar lange in China
aufhielt und 1924 seine Bahn brechende Übertragung des chinesischen Textes
ins Deutsche im Eugen Diederichs Verlag in Jena veröffentlichte. Zuvor hatte
er das I Ging in China einmal ins Deutsche und dann, ohne das Original zu
verwenden, ins Chinesische rückübersetzt, damit sein taoistischer Lehrer,
Lao Nai Süan, das Ergebnis seiner Arbeit überprüfen konnte - bevor Richard
Wilhelm es erneut ins Deutsche übertrug.
Seine Übersetzungsfähigkeit, seine sprachliche Kraft, seine Nähe zum
Original und sein poetisches Einfühlungsvermögen in das Wesen des I Ging
gelten bis heute als unerreicht. Richard Wilhelms deutscher Text ist
seinerseits in zahlreiche Sprachen weiter übersetzt worden. So konnte das I
Ging, das uralte chinesische Weisheitsbuch, weltweit unzählige Menschen
erreichen und in ihrem Alltag wie auch auf ihrem Lebensweg Rat gebend
begleiten.
C. G. Jung hat mit Richard Wilhelm über das I Ging diskutiert, Hermann Hesse
hat sich mit ihm beschäftigt und es zu erforschen versucht. Grosse Künstler
wie Jorge Luis Borges oder John Cage haben sich von ihm inspirieren lassen
und es in den Mittelpunkt ihrer Kunst gestellt. Was Lama Govinda vor zehn
Jahren über das I Ging gesagt hat, gilt, ohne hellsehen zu wollen, auch noch
- und mehr denn je - für den heutigen Tag und auch die nahe Zukunft: »Erst
nach 5000 Jahren erkennen wir die universelle Gültigkeit dieses Buches.« Die
Dimensionen des I Ging sind noch gar nicht in ihrer ganzen Tiefe und
Tragweite entdeckt worden. |