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Das wohl berühmteste
überlieferte Hahnorakel sollte die Nachfolge des römischen Kaisers Valens
(364-378 nach Christus ) klären. Es gibt unterschiedliche Berichte darüber
mit unterschiedlichen Protagonisten. So heisst es bei Zonaras, zwei syrische
Sophisten, Libnios und Jamblichos, hätten die 24 Buchstaben des (damaligen)
Alphabets in den Sand geschrieben, auf jeden ein Getreidekorn gelegt und
dann einen Hahn davor gesetzt. Wirkungsvolle Beschwörungen waren natürlich
vorausgegangen. Nun beobachteten sie, welche Buchstaben der Hahn aufpickte.
Die ersten vier Buchstaben ergaben Th-e-o-d. Valens, der noch lebte und
nicht daran dachte abzudanken, soll daraufhin einen hohen Ministerialbeamten
mit Namen Theodoros und andere verdächtige »Theodoroi« beiseite geschafft
und den verdächtigen Veranstaltern des Orakels im Jahr 371 den Prozess
gemacht haben. Die Kaisernachfolge rat übrigens Theodosios an.
Man kann mit den 26 Buchstaben unseres Alphabets auch unverdächtigere
Zukunftsfragen stellen - wenn Hühner oder Hähne brav mitspielen. Wer die
Kleinschrift beherrscht, suche eine Frage, die sich auf einen Namen oder
Begriff zuspitzt, etwa: »Ist unter den mir noch nicht bekannten
Gegebenheiten XY der oder die Richtige für eine Beziehung?« -»Ist es für
mich richtig und sinnvoll, die Anstellung bei der Firma XY anzustreben?« Die
Namen schreibe man dann jeweils auf mehrere Gersten- oder Weizenkörner und
werfe sie den Hühnern vor. Die Anweisungen sollten immer so präzise wie
möglich sein! Von Abkürzungen bleibt abzuraten. Hat man es mit modernen
Überlängen zu tun, beispielsweise wie »Sabine Leutheusser-Schnarrenberger«
oder »Bayerische Hypotheken- und Vereinsbank«, greife man besser auf andere
Orakelsysteme zurück.
Fressen die Hühner die Körner, dürfe man aber von einer Bejahung ausgehen,
im anderen Falle eher nicht. Nach der Zahl der übrig gebliebenen Körner
könne man auf die grösseren und geringeren Schwierigkeiten beim
Zustandekommen des Wunsches schliessen, behaupten die Experten.
Sowohl der Hahn als Vogel der Sonne und ihres Boten Merkur/Hermes als auch
die Henne als Ausdruck der Grossen Mutter spielten in der staatlichen wie in
der Volks-Weissagung einst eine bedeutende Rolle. In Rom wurden von eigens
dazu beauftragten Wärtern, den Pullarii, Hühner gezüchtet und beobachtet.
Nicht immer waren für die Vogelschau wilde Vögel zur Stelle, um Auskunft zu
geben. Neben der Feinfühligkeit für alle Wetteränderungen, die alle
Hühnervögel auszeichnet, interessierte die Auguren vor allem deren
Fressverhalten. Man warf ihnen Kuchen vor, den sie im günstigen Fall gierig
verschlangen. Über die Zuverlässigkeit dieses Orakels gingen die Meinungen
aber auseinander. Im Ersten Punischen Krieg berichteten die Auguren voller
Schrecken dem Feldherrn und Konsul Claudius Pulcher, die Hühner weigerten
sich zu fressen, die Seeschlacht gegen die Karthager sei in diesem Fall
aussichtslos. »Dann sollen sie saufen«, spöttelte Pulcher und warf die
heiligen Tiere ins Meer. Die Römer zogen in die Seeschlacht (249 vor
Christus ), erlitten eine schmähliche Niederlage und verloren fast ihre
ganze Flotte. |