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In Mitteleuropa
unterschied man früher diverse Naturgeister von den Legionen der
Totengeister, wozu auch die Ahnen gehörten. Man brauchte schon
ausgesprochene Geistermanager, um sich in diesem Wesenswust noch
durchzufinden. Der Einfachheit halber sprach das Christentum nur noch von
bösen Geistern, den Teufeln. Sie alle konnten unterschiedlichste Charaktere
aufweisen und galten fast immer schlauer als der Mensch, wozu es aber auch
meist nicht viel bedurfte.
Nirgendwo konnte man vor ihnen sicher sein. Doch zu den bevorzugten
Aufenthaltsplätzen gehörten Wälder, Teiche, Felsen, alte Heiligtümer, alte
Kirchen, Kreuzungen - einsame Orte, Orte der inneren Einkehr, aber auch Orte
praller äusserer Vergnügungen. Und man konnte ihnen zu jeder Zeit begegnen.
Aber auf Walpurgis, an Dreikönig, zu Weihnacht war ein zufälliges oder »von
der anderen Seite« arrangiertes Treffen fast unweigerlich. Die
Mitternachtsstunde schien der geeignetste Zeitpunkt des Tages.
Noch heute treibt es Zeitgenossen zu einem solchen Stelldichein, um an
vermeintlich hohem Wissen zu partizipieren. Dabei können die zu Befragenden
nostalgisch als heidnische Götzen auftauchen, als religiöse Frömmler, als
Tiere, Lichter oder modern im Outlook fescher Yuppies. Der grosse
Schlapphut, Augenbinde, Pferde- oder Ziegenfuss sind völlig aus dem Gebrauch
gekommen. Doch es wird noch immer eiskalt in ihrer Nähe, und zumeist
flackert das Licht.
Für den, der ihre Begegnung sucht, sei gesagt: Sie mögen keinen Krach ausser
dem, den sie mitunter selbst verursachen; sie mögen keine unangenehmen
Gerüche, wie zum Beispiel Körperschweiss, da sie selbst genug Gestank
verbreiten; sie mögen keine unordentliche Umgebung, keinen Schmutz, kein
Glockengeläut, kein Feuer, kein Metall, keine spitzen Gegenstände, kein zu
starkes Licht und keine Hähne, die zum falschen Zeitpunkt zu krähen
beginnen. Die meisten mögen natürlich keinerlei Einengung oder Sklaverei.
Auf den Trick, sie in Topf, Schlauch, Flasche oder sonst ein dicht zu
verstöpselndes Gefäss einzusperren, fällt kaum noch einer herein. So
genannte Softis unter ihnen schicken sich allerdings in jedes Los, bestehen
dann aber wohl auf ihrem Recht nach längerem Urlaub. Diesen verbringen sie
gern in Krähen- oder Rabengestalt.
Wie man im Einzelnen vorgeht, um sie herbeizuzwingen oder zu bitten, zu
bannen, zu befragen und ihre Antworten auf Wert und Unwert ordentlich zu
überprüfen, lese man beispielsweise bei Agrippa von Nettesheim nach. Es gibt
auch Nachdrucke von Verzeichnissen der Stundengötter und Stundendämonen, die
zur bestimmten Zeit besonders leicht ansprechbar seien, sogar Verzeichnisse
der Geister, die als besonders fügsam gelten. Aber die Befragung bleibt
zeitraubend, aufwändig und ungeheuer gefährlich. Wir raten dringend davon
ab! Obwohl »angeblich bewährte« Tipps kursieren, eine existenzielle
Bedrohung durch solche illustren Gesprächspartner liesse sich auch dadurch
abwenden, indem man eilig die Schuhe wechsele (von rechts nach links), einen
vorher bereitgestellten Ziegenbock rufe (also den Teufel mit Beelzebub
austreibe) oder die Geister persiflierend nachahme. Übrigens sollen zu
Zeiten von Napoleon die Geisterbeschwörungen fast durchweg ergebnislos
verlaufen sein. Es gab wohl ausserhalb der irdischen Sphäre zu viel Respekt
vor diesem notorischen Aufklärer. |