Studienlehrgang über Träume und Traumdeutung
 
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Hildegard von Bingen

Seit ihrem Tod vor mehr als 800 Jahren wird die Äbtissin Hildegard von Bingen als Heilige, Seherin und Prophetin verehrt. Sie gilt als Dichterin, Komponistin und erste schreibende Ärztin des Mittelalters. Schon zu ihren Lebzeiten pries man sie als Prophetissa Teutonica und als rheinische Sibylle.
Hildegard war überzeugt, dass ihr die visionäre Begabung von Anfang an gegeben worden sei: »Bei meiner ersten Gestaltung, als Gott mich im Schosse meiner Mutter durch den Hauch des Lebens erweckte, prägte er dieses Schauen meiner Seele ein.« Anfänglich war sie von ihren Schauungen befremdet. Sie merkte, dass andere nicht das sahen, was sie sah. »In meinem dritten Lebensjahr sah ich ein so grosses Licht, dass meine Seele erbebte, doch wegen meiner Kindheit konnte ich mich nicht darüber äussern ... Und bis zu meinem 15. Lebensjahr sah ich vieles, und manches erzählte ich einfach, so dass die, die es hörten, sich sehr wunderten, woher es käme und von wem es sei. Da wunderte ich mich auch selbst ... Darauf verbarg ich die Schau, die ich in meiner Seele sah, so gut ich konnte ... Ich schämte mich sehr, weinte oft und hätte häufig lieber geschwiegen, wenn es mir möglich gewesen wäre. Denn aus Furcht vor den Menschen wagte ich niemandem zu sagen, was ich schaute.«
Sie sträubte sich innerlich dagegen, die Schauungen niederzuschreiben, weil sie sich für zu ungelehrt hielt. 1141 hörte sie eine himmlische Stimme. »Ich sah einen sehr grossen Glanz. Eine himmlische Stimme erscholl daraus. Sie sprach zu mir: >Gebrechlicher Mensch, Asche von Asche, Moder von Moder, sage und schreibe, was du siehst und hörst! Doch weil du schüchtern bist zum Reden, einfältig zur Auslegung und ungelehrt, das Geschaute zu beschreiben, sage und beschreibe es nicht nach der Redeweise der Menschen, nicht nach der Erkenntnis menschlicher Erfindung noch nach dem Willen menschlicher Auffassung, sondern aus der Gabe heraus, die dir in himmlischen Gesichten zuteil wird.«<
Zwischen 1141 und 1173 diktierte sie ihren Helfern drei in dieser Weise visionär entstandene Schriften: Eine Glaubenskunde, das »Scivias Domini« (Wisse die Wege des Herrn), eine Lebenskunde, das »Liber Vitae Meritorum« (Buch der Lebensverdienste) und eine Welt- und Menschenkunde, das »Liber Divinorum Operum« (Buch der göttlichen Werke).
Hildegard schaute im Sinnbild von fünf Tieren auch das Ende der Welt. Im Zeitalter des feurigen Hundes werden, sagt Hildegard, Menschen von bissigem Charakter leben, im Zeitalter des gelben Löwen kampfeslustige Menschen, die viele Kriege verursachen, dabei aber nicht auf die Gerechtigkeit Gottes schauen. Das Zeitalter des fahlen Pferdes zeugt Menschen, die sich zuchtlos in eine Flut von Sünden stürzen und in der Raschheit ihrer Begierden über das Wirken der Tugenden hinwegspringen. Im Zeitalter des schwarzen Schweins werden die Menschen dem göttlichen Gesetz durch Unzucht und andere Abscheulichkeiten zuwiderhandeln und in der Darstellung einer heuchlerischen Heiligkeit die Gebote Gottes spalten. Im letzten Zeitalter, dem des grauen Wolfs, dem Symbol der Zeit des Antichristen, werden die Menschen viel Raub verüben, an Machthabern und an anderen, denen das Glück günstig gewesen war. »Wegen ihrer Verschlagenheit erscheinen sie in diesen Kämpfen nicht schwarz und nicht weiss, sondern grau. «
1150 hatte Hildegard sich mit Friedrich 1. (Barbarossa) in der Kaiserpfalz von Ingelheim getroffen und ihm eine Prophezeiung, möglicherweise über die von Friedrich ersehnte Krönung, gegeben.
Friedrich schrieb alsbald an die Äbtissin: »Friedrich, durch Gottes Gnade römischer Kaiser und ständiger Mehrer des Reiches, entbietet Frau Hildegard von Bingen seine Gunst und alles Gute. Wir machen deiner Heiligkeit bekannt: Das, was du uns vorausgesagt hast, als wir dich bei unsrem Aufenthalt in Ingelheim gebeten hatten, vor uns zu erscheinen, halten wir bereits in Händen.«
Nicht nur die theologischen Werke habe sie in der Schau empfangen, sondern auch vieles von ihrem natur- und heilkundlichen Wissen sei ihr in Visionen geschenkt worden, auch in ihren Briefen offenbare sie Gottes Wort, bekundete Hildegard. Mit »Der da ist, spricht« oder mit »Die Weisheit lehrte mich in wahrhaftiger Schau folgende Worte« beginnen deshalb viele ihrer Briefe an Herrscher, hoch gestellte Geistliche und Laien.
Hildegard legte Wert darauf, dass sie ihre Visionen in wachem Zustand und nicht »in der Bewusstlosigkeit der Ekstase« empfangen habe. In ihren Gesichten sah sie manchmal auch ein Licht, das sie lebendiges Licht nannte. »Solange ich es schaue, wird alle Traurigkeit und alle Angst von mir genommen, so dass ich mich wie ein einfaches junges Mädchen fühle und nicht wie eine alte Frau.«
Am 17. September 1179 starb Hildegard im Kloster auf dem Rupertsberg. In der Nacht ihres Todes erschienen am Himmel farbige Lichtbögen aus allen Himmelsrichtungen, bis schliesslich der ganze Rupertsberg in ein strahlendes Licht gehüllt war. Zwei Kranke, die den aufgebahrten Leichnam berührten, wurden von schwerer Krankheit geheilt. Nach ihrem Tod wurde Hildegard als Heilige verehrt, ohne aber offiziell heilig gesprochen worden zu sein. Der Zustrom zur Grabstätte nahm in den folgenden Jahren dermassen zu, dass der Erzbischof von Mainz nach Rupertsberg kam und der Heiligen in ihrem Grab gebot, weitere Wundertaten zu unterlassen, um den Alltag des Klosters nicht länger durch die vielen Heilsucher zu stören.
1220 entnahm Gebeno, der Prior des Klosters Eberbach im Rheingau, aus Hildegards Schriften allgemein gefasste Zukunftsaussagen und veröffentlichte sie in seinem »Speculum Futurorum Temporum« (Zukunftsspiegel). Durch diesen Zukunftsspiegel, der im ganzen Abendland bekannt wurde, entstand das verbreitete Bild von Hildegard als Wahrsagerin.

 

 

 

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