Studienlehrgang über Träume und Traumdeutung
 
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Hebeorakel

Der Hebekult gehört zu den spezifischen Wallfahrtsbräuchen, die sich im Alpenbereich ausbildeten. Ursprünglich waren es nur Männer, die sich an besonders schweren Heiligenstatuen versuchten. Oft standen in den Vorhallen der Kirchen auch so genannte Würdiger, simple mächtige Figuren aus Eisen oder (seltener) aus Stein, die den Heiligen vertraten. Nur der von Todsünden Reine brachte es fertig, sie aufzuheben und um den Altar zu tragen. Vielleicht stecken hinter dieser Gewissensprobe noch Reste früher Mannbarkeitsriten.
Doch bald drangen auch heiratslustige Mädchen, Frauen und Witwen in diese Brauchdomäne. Sie pilgerten mit diesbezüglichen Anliegen vor allem zum heiligen Leonhard im oberösterreichischen Gaflenz auf den Heiligenstein zum heiligen Sebaldus. Frauen zeigen oft mehr praktischen Sinn. Sie machten aus dem Hebekult ein Heiratsorakel. Liess sich der Würdiger nur ein wenig - oder zu zweit - anheben, sollte man noch im gleichen Jahr unter die Haube kommen. Da die Statuen vorher oft gestreichelt, umarmt und umgarnt wurden, kam es wohl gelegentlich zu kuriosen Szenen. Männer sollen nämlich manchmal die Rolle des starren Heiligen gespielt haben, um die Huldigungen entgegenzunehmen - eine nicht ganz ungefährliche Angelegenheit. Wie die Wallfahrtschroniken berichten, bissen Frauen dem Heiligen oft in die Zeh, hielten brennende Wachsstöcke unter seine Sohlen oder trieben dort eine Nadel hinein. Die Nadel wurde erst dann entfernt, wenn es tatsächlich zu einer Heirat kam - eine Art antiker Götterzwang. Das machte die Statue zwar nicht leichter, vielleicht aber gefügiger? Jedenfalls zementierte die Kirche in Gaflenz ihren St. Sebaldus vorsorglich ein, um allen weiteren Unfug mit diesem Brauch auszuschliessen.
Seit dem Zweiten Weltkrieg scheint dieser Brauch überall erloschen. Ob dieser Heilige aber auch wirklich der geeignete Schiedsrichter für ein Liebes- und Heiratsorakel war? Der Legende nach verliess Sebald bereits kurz vor der Hochzeitsnacht schnöde seine Braut, um sein Leben fürderhin als Einsiedler zu fristen.

 

 

 

 

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